Essstörungen in den Wechseljahren: Ein unterschätztes Risiko
Es gibt gute und es gibt schlechte Phasen im Leben von Maria*, doch die Angst sei immer da. „Binge Eating hat mich mein ganzes Leben mehr oder weniger begleitet“, sagt sie. Bei dieser Essstörung leiden Betroffene unter Essanfällen. Sie essen, ohne Hunger zu haben. Schon als Teenagerin sei der Food Noise, also das Gedankenkreisen rund ums Essen, ein ständiger Begleiter von ihr gewesen. Vor etwa zwei Jahren, mit Beginn der Prämenopause, kehrte er zurück.
„Für mich ist die Erfahrung ähnlich wie in der Pubertät, viele Symptome kennt man schon von damals“, sagt die heute 51-Jährige. Wieder erlebt sie Essattacken, „begleitet von Scham, Angst, Abwertung, Verlust des Körpergefühls, vermindertem Selbstvertrauen, Selbsthass und allem, was dazu gehört“. Wieder nimmt sie stark an Gewicht zu. Sie durchlebt extreme Stimmungsschwankungen und depressive Phasen, bekommt Hautprobleme, unregelmäßige Zyklen und Schmerzen in der Hand, im Rücken und in den Schultern.
Alte Muster kehren zurück
„Die Wechseljahre sind eine sehr fragile Zeit“, weiß Saskia Appelhoff. Immer wieder begegnen ihr Frauen, die sich mit dieser Umbruchphase schwertun. Die sich nicht mehr wohl in ihrem Körper fühlen, ihn nicht mehr verstehen oder sich von ihm im Stich gelassen fühlen. Weil er nicht mehr derselbe ist. Er verliert an Muskelmasse, verbrennt Kalorien nicht mehr so wie früher, lagert plötzlich am Bauch mehr und mehr Fett ein. Der sogenannte „Menobelly“ entsteht.
Appelhoff hat 2024 die Online-Plattform „MeNotPause“ gegründet. Dort finden Frauen Aufklärung und Informationen zu ihren Wechseljahresbeschwerden und können sich mit anderen austauschen. In dieser Community stößt die Gründerin und Wechseljahre-Beraterin auch auf Frauen wie Maria, bei denen die körperlichen Veränderungen zu Essstörungen führen. Oft hätten die Betroffenen früher schon Probleme mit krankhaftem Essverhalten gehabt. Die Wechseljahre wirken wie ein Trigger, der sie in alte Muster zurückfallen lässt.
Keine Frage des Alters
Aus Sicht von Appelhoff sind Essstörungen in den Wechseljahren klar unterschätzt. Auch, weil sie primär mit der Pubertät in Verbindung gebracht werden würden. Essstörungen wie die Magersucht werden etwa vorrangig mit Mädchen im Teenageralter assoziiert – was nicht falsch ist, sondern sich sogar statistisch belegen lässt.
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Zur vollständigen AnsichtDoch die Statistiken verdeutlichen auch, dass Essstörungen nicht nur junge Menschen betreffen. „Die wissenschaftlichen Ergebnisse der vergangenen Jahre und Jahrzehnte haben gezeigt, dass Essstörungen bei allen Geschlechtern in jedem Alter auftreten können“, sagt Barbara Mangweth-Matzek. Die Professorin an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Innsbruck forscht zu krankhaftem Essverhalten, auch in den Wechseljahren. Sie hat herausgefunden, dass Frauen in der Perimenopause „signifikant häufiger“ ein krankhaftes Essverhalten entwickeln als in der Post- oder Prämenopause.
Das ist die Prä-, Peri- und Postmenopause
Die Wechseljahre unterteilen sich in drei verschiedene Phasen: Prä-, Peri- und Postmenopause. Die Prämenopause beginnt meist ab Mitte 40, manchmal auch schon früher. Der Körper fährt allmählich die Produktion des Geschlechtshormons Progesteron herunter, auch der Östrogenspiegel kann bereits gelegentlich schwanken. Die Periode wird unregelmäßiger, die Fruchtbarkeit nimmt langsam ab. In der Perimenopause setzen sich diese Veränderungen fort. Die Hormonschwankungen erreichen ihren Höhepunkt. Typisch sind in dieser Phase Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen und Schweißausbrüche. Die Postmenopause beginnt ein Jahr nach der letzten Menstruation – es ist die letzte Phase der Wechseljahre. Der Östrogen- und Progesteronspiegel ist nun dauerhaft zu niedrig, die natürliche Fruchtbarkeit vorbei.
Ebenso sind Frauen mit vermehrten Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen oder Schlafstörungen häufiger betroffen und unzufrieden mit ihrem Körperbild. Mangweth-Matzek schlussfolgert daraus: „Die Wechseljahre mit ihren hormonellen Änderungen und psychosozialen Herausforderungen rund um den Eintritt in eine neue Phase des Frauseins erhöhen also – ähnlich wie die Pubertät – das Risiko für Essprobleme.“
Essen gegen die Unzufriedenheit
Gerade die Binge-Eating-Störung, wie sie Maria erlebt, trete bei Frauen in den Wechseljahren vermehrt auf, oft als Resultat von Körperunzufriedenheit und restriktivem Verhalten, so die Expertin weiter. Wer sich im eigenen Körper unwohl fühlt, greife unter Umständen eher zu Essen als Bewältigungsstrategie, was das Unwohlsein wiederum verstärken kann, ergänzt Appelhoff. Ein Teufelskreis.
Hinzu kommt oft ein Schamgefühl. „Die Frauen denken: ‚Eigentlich müsste ich mein Leben in diesem Alter doch im Griff haben‘“, sagt Appelhoff. Das halte sie oft davon ab, sich Hilfe zu suchen. Doch auch wer Hilfe will, wird nicht immer fündig. „Viele Ärztinnen und Ärzte sind gar nicht dafür sensibilisiert.“ Etwas, das auch Psychologin Mangweth-Matzek feststellt: „Das Problem ist, dass viele Ärzte und Ärztinnen nicht wissen, dass es Essstörungen auch im Alter gibt.“
Auf den Punkt
Essstörungen sind kein reines Jugendphänomen.
Wissenschaftliche Studien belegen, dass Essstörungen in jedem Alter auftreten können – nicht nur bei Teenagern. Die Wechseljahre erhöhen das Risiko signifikant. Doch viele Betroffene schämen sich und suchen sich deshalb keine Hilfe. Gleichzeitig sind viele Ärzte für diese Problematik nicht sensibilisiert.
Wechseljahre triggern alte Essstörungsmuster.
Die hormonellen Umbrüche in den Wechseljahren wirken ähnlich wie die Pubertät und reaktivieren bei vielen Frauen frühere Probleme mit krankhaftem Essverhalten. Körperliche Veränderungen wie der „Menobelly" verstärken die Unzufriedenheit zusätzlich. Besonders die Binge-Eating-Störung tritt in dieser Phase vermehrt auf.
Selbstfürsorge und offene Kommunikation helfen.
Statt gegen den eigenen Körper anzukämpfen, empfehlen Fachleute einen bewussten, liebevollen Umgang mit den Veränderungen. Der Austausch mit vertrauten Personen oder professionelle psychologische Unterstützung bieten konkrete Wege aus dem Teufelskreis.
Schönheitsideale forcieren Essstörungen
Wie viele Frauen in den Wechseljahren Essstörungen haben, ist unklar. Die Studienlage ist zu dünn. Nicht nur, weil sich Betroffene für ihre Erkrankung schämen, sondern weil in den meisten Umfragen vorrangig junge Menschen adressiert werden. Es mangelt zudem an Langzeitdaten, die Frauen über den gesamten Zeitraum von der Peri- bis zur Postmenopause begleiten.
Man sollte auch einmal reflektieren, was der Körper schon alles Tolles geleistet hat.
Saskia Appelhoff,
Wechseljahre-Beraterin und Gründerin der Online-Plattform „MeNotPause“
Nicht allen Betroffenen sieht man ihre Essstörung direkt an. Das macht eine Diagnose umso schwerer. Dass Frauen versuchen, den Körperveränderungen durch Diäten entgegenzuwirken, ist gesellschaftlich akzeptiert. Doch dieser Schlankheitswahn forciert Essstörungen: „Frauen sollen ewig jung und schlank sein, faltenfrei und am besten erkennt man nicht, wer Mutter und wer Tochter ist“, sagt Mangweth-Matzek. „Das erhöht den Druck auf Frauen, einem unrealistischen Ideal zu entsprechen.“ Vor allem soziale Medien seien „Träger für chronische Unzufriedenheit, weil sich Menschen dort immer nur nach oben orientieren“.
Einen eindeutigen Beweis dafür, dass soziale Medien Essstörungen fördern oder auslösen, gebe es jedoch bisher nicht, erklärt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit. Dennoch stellt das Institut einen Zusammenhang zwischen einem Social-Media-Konsum und Essstörungen fest. „Möglicherweise sind Betroffene einfach nur überdurchschnittlich oft in sozialen Netzwerken unterwegs – beispielsweise weil sie dort Rat oder Inhalte rund um die Themen Essen, Figur und Gewicht suchen.“
Veränderungen annehmen
Statt gegen seinen Körper zu arbeiten, sollte man einen bewussten Umgang mit den Veränderungen finden, rät Appelhoff. Selbstfürsorge spiele eine große Rolle: Man sollte geduldig und freundlich zu sich selbst sein und sich nicht zu sehr unter Druck setzen. „Und man sollte auch einmal reflektieren, was der Körper schon alles Tolles geleistet hat.“
In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.
Zur vollständigen AnsichtVor allem aber sei es wichtig, offen über mögliche Probleme und Unzufriedenheiten zu sprechen, so die MeNotPause-Gründerin weiter. Frauen, die nicht sofort psychologische Hilfe haben wollen, können sich auch ihrer Familie, ihrer Partnerin oder ihrem Partner, einer engen Freundin oder einem engen Freund anvertrauen. Wer jedoch merkt, dass dieser Austausch nicht ausreicht, sollte sich im nächsten Schritt professionelle Hilfe suchen.
Das rät auch Maria anderen Betroffenen. Sie selbst hat sich eine Therapeutin gesucht, die sie durch diese schwierige Phase begleitet. „Eine gute Psychotherapie kann eine Riesen-Unterstützung und der Rettungsanker in der Not sein“, sagt sie.
Auf Essstörungen spezialisierte Anlaufstellen finden Betroffene unter anderem auf der Internetseite des BIÖG – dort ist auch eine Online- und Telefonberatung eingerichtet. Auch an die Frauen- oder Hausärztinnen und -ärzte können sie sich wenden. Die Nationale Kontakt- und Informationsstelle NOAK bietet zudem eine Übersicht für Selbsthilfegruppen in Deutschland an.
*Name auf Wunsch geändert