Anderer Blick auf Leipzig: Martin Jehnichen zeigt Fotos der Jahre 1988–1990
Leipzig. Es hätte so schön werden sollen am 7. Oktober 1989. Bei den 14. Leipziger Markttagen brachten „an die 50 Lkw-Ladungen“ Nachschub „zur Freude der zahlreichen Kunden aus nah und fern“, schrieb die „Leipziger Volkszeitung“. Im Clara-Zetkin-Park stellte sich „das Jugendmodenschaukollektiv ,konsument’ vor“. Doch „Gruppen von zumeist jugendlichen Rowdys“ störten den 40. Geburtstag der DDR. An jenem Tag wurde der westdeutsche Fotografiestudent Martin Jehnichen vom Beobachter zum Beteiligten. Und zum Betroffenen.
„Die Widersprüche sind unsere Hoffnung“ heißt seine Ausstellung, die am 19. Juni im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig eröffnet wird. Für die Kuratorin Henrike Girmond bilden die Aufnahmen vom 7. Oktober das „Herzstück“. Zum Teil unscharf und verwackelt zeigen sie das brutale Vorgehen der Polizei. Auch Jehnichen wurde geschlagen, verletzt, festgenommen; die belichteten Filme wurden beschlagnahmt. Dass die jetzt gezeigten Fotos noch existieren, liegt daran, dass einer seiner Fotoapparate, die Leica, nur schwer zu öffnen war. Bis Mitternacht musste er die DDR verlassen, er nahm den nächsten Zug zurück nach Bielefeld.
Martin Jehnichen wurde 1962 in Karlsruhe geboren, aufgewachsen ist er in Tübingen. Die Sommerferien verbrachte er oft bei den Großeltern im sächsischen Freiberg. Nach Leipzig kam er 1988 mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, um an der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu studieren. Seine Themen: Arbeitswelt und Umwelt. Auch solche Szenen, aus einem Friseursalon zum Beispiel, gehören zu den Widersprüchen im von Bertolt Brecht entliehenen Ausstellungstitel „Die Widersprüche sind unsere Hoffnung“. Sie liegen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Aufbegehren und Repression, Hoffnung und Enttäuschung, wie Girmond erklärt.
Eines der schönsten Bilder der Ausstellung beeindruckt mit Leichtigkeit. Es ist 1990 entstanden, dem Jahr, als Jehnichen zurück nach Leipzig kam, um zu bleiben. Auf der Kreuzung am Bayerischen Bahnhof laufen drei Menschen Richtung Innenstadt. Der Turm des Neuen Rathauses ist zu sehen. „Alles ist in Bewegung – ohne Ziel ohne Plan“, sagt Jehnichen. „Man fragt sich: Wohin rennen die eigentlich?“. Sie scheinen zu schweben. Auch bei diesem Bild, das wie alle mehr erzählt, als es auf den ersten Blick zeigt, fasziniert jene Dynamik, die Jehnichens Arbeit auszeichnet.
Martin Jehnichen zeigt Ungewissheit und Tatsachen
Für Henrike Girmond sind die Fotografien nicht nur eine „Hommage an den Mut und die Zivilcourage derjenigen, die gegen die SED-Diktatur protestiert haben“. Sie dokumentieren einerseits eine Niedergangszeit und machen andererseits deutlich, „was sich in den 90er-Jahren verändert hat – mit den Folgen bis heute“. Dass die Bilder von damals einen Kontakt herstellen zur Gegenwart, ist eine weitere Besonderheit dieser Ausstellung, die mehr ist als ein Beitrag zu den Geburtstagen von Friedlicher Revolution, Mauerfall und Deutscher Einheit. Die Menschen in Leipzig, Erfurt, Dresden, Karl-Marx-Stadt oder auf dem Land erscheinen als Zaungäste ihrer eigenen Geschichte. Auf Ungewissheit folgen Tatsachen. Ein vollbesetzter Bus fährt nach links, in entgegengesetzte Richtung läuft eine Gruppe mit DDR-Fahne. Wohin geht die Reise? Was sind das für Leute? Eindeutige Botschaften sendet die Masse, die Helmut Kohl zujubelt.
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Am Rande so einer Kundgebung singen Männer in fast religiöser Heilserwartung die Nationalhymne – mit einer Inbrunst, dass man sie zu hören glaubt. Auf einem anderen Bild spricht Hass aus den Gesichtern von Neonazis. Bei der „Großen Lucky Strike 1:1-Umtausch-Aktion“ werden Zigaretten Ost durch Zigaretten West ersetzt. Potenzielle Investoren begutachten das Gelände einer LPG. Ein Schulungsleiter erklärt den Hiergebliebenen seine Welt. Mit Achtung schaut Jehnichen auf die Szene der Abwicklung der NVA, mit Witz auf den Arbeiter, der neben einer „Test the West“-Werbung „Bild“ liest.
Vom Widerspruch zum Widersprechen
Sein Anspruch sei es, vom Widerspruch zum Widersprechen zu kommen, sagt Martin Jehnichen. Das motiviere ihn, seine Bilder zu zeigen. Denn eigentlich dränge es ihn „nicht so in die Öffentlichkeit“. 61 Aufnahmen hat Henrike Girmond aus tausenden ausgewählt. Sie kannte Jehnichens Arbeit aus dem Archiv der Bürgerbewegung und der kleinen Ausstellung „Als sie träumten“ 2015 im Haus des Buches. Einige Bilder waren noch nie ausgestellt, einige im Band „Das Jahr 1990 freilegen“ (Spector Books) zu sehen. Es wird Zeit für ein ganzes Buch, das Martin Jehnichens freien Blick feiert. Denn wer über die Wahlergebnisse im Osten spricht, sollte auch über den Wandel ins Gespräch kommen.
Info: Die Ausstellung „Die Widersprüche sind unsere Hoffnung“ wird am 19. Juni, 19 Uhr, eröffnet. Sie zeigt Fotografien von Martin Jehnichen aus den Jahren 1988–1990 und ist vom 20. Juni bis zum 26. Januar 2025 zu sehen. Geöffnet Di–So 10–18 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6; der Eintritt ist frei; www.hdg.de/zeitgeschichtliches-forum