Zum Kulturgenuss zu trinken, ist noch lange keine Trinkkultur
Leipzig. Reiseprofis wissen das schon lange. Niemals würden sie sich ohne Proviant in die Bahn setzen oder ins Auto. Selbst Pendler setzen auf Stullenpakete. Fernreisende führen zusätzlich mindestens vier hartgekochte Eier mit sich, haben ein bis zwei Äpfel geviertelt und ebenso viele Mohrrüben in feine Stifte geschnitten, die allerdings selten so fein gelingen, dass Erstickungsanfälle ausgeschlossen werden können – weshalb auch Tee und Wasser ins Gepäck gehören.
Selbst bei Alleinreisenden steht der Proviant einem Picknick für vier Personen in nichts nach. Was einerseits der Angst geschuldet ist, kurz nach Verlassen der Wohnung in eine Hungersnot zu geraten, andererseits der Sorge, dass Bahnproblem oder Autobahnstau eine Übernachtung auf der Strecke nötig machen. Weil solche Gefahren auch in der Fußgängerzone drohen, durchqueren viele Großstadtbewohner das Zentrum nur noch mit Kaffeebecher in der Hand und Wasserflasche im Rucksack.
Essen, trinken, Klo aufsuchen – es nervt
Wir sehen also, dass zur Esskultur auch die Kunst des artgerechten Trinkens gehört. In Kinosälen gilt das als selbstverständlich, die meisten gehen nicht wegen der Filme dorthin, sondern um mal wieder Popcorn und Nachos zu essen. Wer den dazu offenbar vorgeschriebenen Eimer Cola trinkt, muss recht bald auf die Toilette, was in großzügig dimensionierten Stuhlreihen kein Problem darstellt. Das Überschwappen dieses Entlastungsverhaltens auf die Bühnenkunst allerdings nervt. Es ist vor wie nach der Pause ein Rein und ein Raus und ein Hin und ein Her. Vielleicht sind Dinnershows die Zukunft. Denn erst kommt das Essen, dann das Vergnügen.