Kaśka Bryla fordert beim Bachmann-Preis die Jury heraus
Leipzig. Zwei Mal hat Kaśka Bryla sich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig beworben, jeweils mit den gleichen Texten, beim zweiten Mal wurde sie genommen. Das erzählt die 1978 in Wien geboren Schriftstellerin im Vorstellungsvideo vor ihrer Lesung. Sie war die letzte Kandidatin, die am Freitag bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt vor Jury und Publikum trat. Von Donnerstag bis Samstag bewerben sich 14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Am Sonntag gibt’s die Auszeichnungen.
Es lohnt sich, 3sat oder den Stream einzuschalten oder später auf bachmannpreis.orf.at nachzuschauen. Zunächst wegen der Filmchen. Das Porträt von Kaśka Bryla, „deutschsprachige Autorin mit polnischem Hintergrund“, zeigt Krähe, Kräne, Kollektiv. Weil der Literaturberuf vereinzelt, kann sie sich ein Leben ohne das Netzwerk der von ihr mitgegründeten Literaturzeitschrift „PS – Politisch Schreiben“ nicht mehr vorstellen, sagt Bryla. Als sie 2020 lange an Corona erkrankt war, hat ihr „dieser Umstand die Möglichkeit gegeben, einen Krähenvogel großzuziehen“. Babykrähe Karl hatte einen gebrochenen Flügel. Die Erfahrung dieser Immobilität beider spiele seither eine wiederkehrende und große Rolle in ihrem persönlichen Leben und in ihrer Arbeit. Dann frisst Karl die Kamera.
Kaśka Brylas Text spaltet die Klagenfurt-Jury
Kaśka Brylas Text „Der Kakerlakenschwarm“ erzählt von Isolation und Krankheit, von Erfahrungen der Mutter im Gulag und von der Krähe Karl, die irgendwann davonflattern kann, „als handle es sich um einen Schmetterling, als würden alle Lebewesen mit Flügeln denselben Gesetzmäßigkeiten folgen, als wäre ich, seitdem mir Brüste gewachsen sind und monatlich Blut aus mir fließt, automatisch eine Frau“. Die Ich-Erzählerin bleibt gefangen in einem Körper, dem die Luft ausgeht.
„Ich hätte den Text anders gelesen, wenn ich den Film nicht gesehen hätte“, sagt anschließend Jurorin Mithu Sanyal. Die Jurydiskussionen zu verfolgen, steigert das Vergnügen am Text. Gelegentlich stellen sie es auch erst her. Und wenn es richtig gut läuft, sind die vier Jurorinnen und drei Juroren sich nicht einig. So wie bei Kaśka Bryla, die von Brigitte Schwens-Harrant eingeladen worden war. Die verteidigt den „großen Trauertext“, der von Schmerz erzählt. Wie in einigen der zehn bisher gehörten Beiträge „haben wir die ganze Zeit die Vergangenheit in der Gegenwart“.
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Das findet Klaus Kastberger, der neue Jury-Chef, zwar auch, hätte jedoch gern weniger nach dem Historischen suchen müssen. Er findet Assoziationsflächen, die in viele Richtungen gehen, „die für mich aber viel zu diffus bleiben“. Darum hält er die Argumentationen und Interpretationen der Jury für interessanter als den Text. Auch mochte er die Art des Lesens nicht. Bryla liest langsam und pointiert. Was die neue Jurorin Laura de Weck differenzierter sieht: Für sich allein habe sie den Text in einem „unglaublichen Tempo“ gelesen und sich „sofort abgeholt“ gefühlt von der Atemlosigkeit und Direktheit der Sprache. Nur dreimal einen Punkt zu setzen, trage hier den Inhalt, der von Überforderung erzähle, einem Kampf um Aufmerksamkeit. In solchen Debatten werden in wenigen Minuten aus einer Geschichte viele.
Info: 3sat überträgt Sa ab 10 Uhr, So ab 11 Uhr, alle Infos und Streams auf bachmannpreis.orf.at