Glosse: Disco-Falter und Couch-Potatoes
Leipzig. 50 Jahre soll sie alt sein, im Sommer 1974 soll alles begonnen haben mit der Disco und allem was damit zu tun hat. Dabei ist das Phänomen älter: Vor rund 3,8 Millionen Jahren nämlich löste sich Dryocampa rubicunda von der Familie der Pfauenspinner, putzte sich heraus mit bananengelben und erdbeereisroten Pastelltönen, mit Fransen und Zotteln. Und vor allem: Dryocampa rubicunda macht seither die Nacht zum Tag.
Entomologen, Insektenforscher also, sprechen längst von unterschiedlichen Arten, geht es um die mausgrauen tagaktiven Langweiler und die nachtfeierfreudigen flatternden Sahnebonbons unter den Pfauenspinnern. Und vielleicht wäre es an der Zeit, zwischen, sagen wir, Boney M (1975–1986) und dem Emerson String Quartet (1971–2008) auch einmal grundsätzlicher zu unterscheiden, statt beide lapidar unter „Musikgruppen“ einzusortieren.
Zurück zu Dryocampa rubicunda: Eine Gruppe um den Entologen Yash Sondhi von der Florida International University und dem Florida Museum of Natural History hat herausgefunden: Das „Disco-Gen“ war die Ursache dafür, dass Dryocampa auf Nachtflug umstellte und aus einer Art zwei wurden.
Und was sagt uns das? Zum einen, dass Disco keine Erfindung des New Yorker Underground war und spätere Mainstream-Akteure wie John Travolta, die Bee Gees oder Giorgio Moroder auf einen längst rollenden Zug aufgesprungen sind. Zum anderen, dass sie Disco nicht in den Genen hatten. Sonst würden ihre Kinder und Kindeskinder noch heute im Glitzerfummel die Nacht zum Tag machen. Stattdessen ist der Deutschen beliebteste Freizeitbeschäftigung, der „Freizeit-Monitor 2024″ hat es ans Tageslicht gebracht, „Internet nutzen“. Auf den Plätzen folgen: „Fernsehen“, „sich mit PC, Laptop, Tablet beschäftigen“ und „mit Smartphone spielen“. Und weil das alles, anders als die Balz in der Disco, der Fortpflanzung nicht dienlich ist, wird unsere Art sich nicht aufspalten, sondern in 3,8 Millionen Jahren längst verschwunden sein.