Tage der deutschsprachigen Literatur

Christine Koschmieder nutzt die Bachmann-Preis-Bühne für ein Statement

Christine Koschmieder bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur.

Leipzig. Das Wort des Tages kommt von Christine Koschmieder: „Verformungsbereitschaft“. Es bezieht sich auf Stoffe und Menschen und stammt aus ihrem Text „Nylfrance“, mit dem sie die erste Leserunde bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur (TddL) in Klagenfurt beschließt. Zunächst 5 von 14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich den Urteilen der Jury gestellt. Am Freitag und Samstag geht es weiter, bevor am Sonntag der Ingeborg-Bachmann-Preis und weitere Auszeichnungen vergeben werden.

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Dass nur der Hauptpreis nach der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann benannt ist, jedoch nicht mehr der Wettbewerb, hat einen politischen Grund. Daran erinnert Koschmieder im Anschluss an die Jurydiskussion über ihren Text: dass im Jahr 2000 die Bachmann-Erben den Namen zurückzogen, nachdem Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider (FPÖ) den Wettbewerb als „totgelaufene und sterile Veranstaltung“ bezeichnet und die Unterstützung mit damals 120.000 Schilling beendet hatte. „Und ich finde, man darf Menschen, die unmenschlich handeln, durchaus Namen wegnehmen und die Nutzung untersagen. Das wollte ich gerne mal im Fernsehen sagen.“

Christine Koschmieder für Verformungsfähigkeit von Stoffen – und Menschen

Rede zur Literatur von Ferdinand Schmalz.
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Christine Koschmieder, die von 1993 bis 2023 in Leipzig gelebt und zuletzt die Bücher „Dry“ und „Schambereich. Über Sex sprechen“ veröffentlicht hat, siedelt ihren Text im Westdeutschland der 60er-Jahre an. Das titelgebende Nylfrance „ist ein Nylongewebe, sehr dehnbar“. Lilo, die Hauptfigur, entwirft Bademode für die reife Frau und ist im Begriff, ihren Mann Harry zu verlassen, weil der nicht mitzieht. „Von allen Materialeigenschaften wird die Verformungsfähigkeit am meisten unterschätzt“, sagt Harry. „Das bedeutet Elastizität nämlich. Verformungsbereitschaft. Und wenn die Grenze des Elastizitätsbereichs überschritten wird, kommt es zur Deformation. Auftrennen, umarbeiten, neu etikettieren, so kannst du vielleicht mit Damenoberbekleidung verfahren, aber doch nicht mit Menschen, Lilo.“

Die 14 Autorinnen und Autoren

Kaska Bryla (A/POL); Semi Eschmamp (CH); Ulrike Haidacher (A); Jurczok (CH); Christine Koschmieder (D); Miedya Mahmod (D); Sarah Elena Müller (CH); Denis Pfabe (D); Johanna Sebauer (A/D); Tijan Sila (D/BIH); Tamara Stajner (A/SLO); Sophie Stein (D); Henrik Szanto (D/FIN/UK); Olivia Wenzel (D)

Der Jury gefällt der Text. Zwar werde den einen nicht deutlich genug, warum Lilo geht, und anderen die Notwendigkeit, diese Geschichte gerade jetzt zu erzählen. Doch es herrscht Einigkeit über die handwerkliche Qualität. Der neue Jury-Chef Klaus Kastberger spricht von der literarischen Leistung, historische Fakten in Fiktion lebendig werden zu lassen. Mithu Sanyal, auf deren Einladung Koschmieder las, mag es, wenn Literatur „Geschichten erzählt, die nicht die eigenen sind“. Brigitte Schwens-Harrant findet es gut, dass „kein Urteil gesprochen wird“ und die Autorin nicht versuche, Wertung einzuziehen. „Man braucht nicht immer den politisch aktualisierten Blick, aber natürlich kann man das mitdenken.“

Ferdinand Schmalz ruft nach der Schreibkrise

Koschmieder biete nicht einfach identitätspolitische Patente an, freut sich Philipp Tingler über einen Effekt, den man erkennnisstiftende Irritation oder Verwirrung nennen könne. Genau davon hat in seiner TddL-Eröffnungsrede am Mittwochabend Ferdinand Schmalz gesprochen. Der österreichische Schriftsteller und Dramatiker beschwört die Schreibkrise. Nicht schreiben um des Schreibens willen wolle er, sondern um des nicht schreiben Könnens. Gute Texte, die ein „so oder so“ zulassen, lösten auch bei ihm als Leser im positivsten Sinne eine Art Krise aus. Das Anders-Verstehen, Anders-Hören mache jenes Gegengift aus, „das gegen das einlullende Gift der Marketingabteilungen, der Spinndoktor*innen und Demagog*innen immunisiert“. Sprache werde dort brandgefährlich, „wo sie die eigenen Mechanismen verschleiert“. Da sei die Literatur gefragt, „indem sie ein kritisches Hören schult“.

Info: 3sat überträgt bis Sa ab 10 Uhr, So ab 11 Uhr, alle Infos und Streams auf bachmannpreis.orf.at

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