„Sie hat Stricken fashionable gemacht“

Die neue Masche: Wie eine Dänin mit dem Stricken ein Millionenpublikum erreicht

Eigene Kreationen: Unter dem Pseudonym Petiteknit entwirft die Dänin Mette Wendelboe Okkels Strickmuster, die weltweit verkauft werden. Auf Instagram erreicht die Strickdesignerin mehr als eine Million Menschen.

Aarhus. Auf einmal war er da, schmiegt sich um die Hälse von jungen Frauen, in Beige, Blau, Knallrot, mit einem sauberen Knoten fixiert: Sophie Scarf heißt der gestrickte Minischal, der spätestens seit diesem Herbst zu den angesagtesten Fashiontrends zählt. Die französische Modezeitschrift „Elle“ nannte ihn zuletzt „das unverzichtbare Winteraccessoire“ der Saison.

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Das Besondere daran: Den originalen Sophie Scarf gibt es nicht im Laden zu kaufen. Er ist selbst gestrickt. Selbst gestrickt – das waren vor ein paar Jahren noch der kratzige Pullunder, die etwas zu großen Socken, das Geschenk von der Oma oder die Topflappen aus der Textiles-Gestalten-AG.

„Selbst gestrickt“ ist im Trend

Heute ist das anders. Die Kundschaft in Strickgeschäften wird wieder jünger, das zeigt auch eine Studie im Auftrag des Branchenverbands Initiative Handarbeit. Der Markt für Häkel- und Strickgarne boomt. Menschen vernetzen sich im Internet, treffen sich zum Stricken im Café oder mieten in Großstädten ganze Kinosäle für „Knit and Cinema“-Events. Die Ergebnisse teilt die Community auf Instagram, vor allem Frauen zwischen 20 und 40 Jahren. Und manche Strickdesigns werden zum viralen Onlinetrend – wie der Sophie Scarf.

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Das Design für den kleinen Schal stammt von Mette Wendelboe Okkels, online besser bekannt als Petiteknit. Auf Instagram folgen der 36-jährigen Dänin 1,2 Millionen Menschen. Sie gehört damit zu den einflussreichsten Strickdesignerinnen. Ihre Entwürfe sind schlicht und zeitlos, die Anleitungen so simpel wie möglich. Mehr als 623.000 Posts mit dem Hashtag #petiteknit gibt es zurzeit auf Instagram. Noch nie ist in Deutschland nach ihrer Seite so oft gegoogelt worden wie an den vergangenen Weihnachtsfeiertagen.

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Mette Wendelboe Okkels steht damit für eine neue Zeit der Handarbeit: jung, vernetzt, instagramable. Die 36-Jährige wohnt in Aarhus, mit knapp 300.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Dänemarks. Ihr Büro liegt abseits des Zentrums, im ruhigen Wohnviertel Risskov.

Im Inneren ist es aufgeräumt: Pastellfarbene Klappkisten mit Wolle stapeln sich bis an die Decke, in weißen Lagerregalen sind Hefte mit Strickanleitungen aneinandergereiht, dazwischen lagern Dutzende Kartons mit ihren Produkten – Aufbewahrungstaschen, Maßbänder, Nadelsets. An einer Wand hängen diverse Strickproben mit verschiedenen Texturen, Farben, Mustern.

Mette Wendelboe Okkels in ihrem Office in Aarhus: An der Wand hängen Strickproben, mit denen sie verschiedene Muster, Farben oder Garne für ihre Designs testet.

Zehn Mitarbeiterinnen beschäftigt Wendelboe Okkels bei Petiteknit. Wer hereinkommt, wird mit einem freundlichen „Hej!“ begrüßt. Am Eingang sortiert eine Frau in einem roten Strickpullover – natürlich ein Modell, das ihre Chefin entworfen hat – Wolle in einen Karton und plaudert mit einer Kollegin. Andere sitzen konzentriert am Laptop. Sie korrigieren Strickanleitungen, kommunizieren mit den Händlern und Kunden. Wieder andere verpacken Bestellungen. Mehr als 600 Händler in 25 Ländern bieten die Produkte aus Aarhus an. Geschäfte in New York, Sydney und Seoul, in Nieder-Olm und Buxtehude.

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Die Gründerin von Petitknit lächelt und scheint verlegen, als sie auf ihre Reichweite angesprochen wird. „Ich kann es gar nicht begreifen, es ist verrückt, dass mir so viele Menschen folgen“, sagt sie. „Um ehrlich zu sein, versuche ich gar nicht so viel darüber nachzudenken.“ Die Gründerin bietet Kaffee an und stellt sich mit „Mette“ vor. Sie spricht ruhig und denkt einen Moment nach, bevor sie ihre Worte formuliert. Ihre hellblauen Augen sind aufmerksam, der Händedruck fest.

Wolle, Anleitungen und Zubehör - fein säuberlich in Klappkisten sortiert, gestapelt und aneinandergereiht. Von Aarhus aus verschicken die Mitarbeiterinnen von "PetiteKnit" die Produkte in die ganze Welt.

Auf ihrem Instagram-Account zeigt sie sich selbst in ihren Strickkreationen: beim Kaffeetrinken mit einer Freundin, am Strand mit der Familie, beim Schlendern durch das angesagte Latiner-Viertel in Aarhus. Immer nahbar, aber nie zu nah. „Instagram spielt eine große Rolle für meine Arbeit“, sagt Wendelboe Okkels. „Ich nutze soziale Medien als Marketingtool. Einerseits ist es großartige Möglichkeit, meine Designs zu zeigen und andererseits, mit Strickerinnen auf der ganzen Welt zu kommunizieren und Trends aufzuschnappen.“

Beim Treffen in Risskov trägt Mette Wendelboe Okkels einen dunkelbraunen Strickpullover mit hellen Streifen. Mit ihrer Anleitung und etwas Geduld kann ihn theoretisch jede nachstricken. Die Anleitung für den „Key Sweater“ gibt es für umgerechnet 6,70 Euro im Onlineshop.

Erfolg mit digitalen Produkten

Die meisten Anleitungen verkauft Petiteknit digital. Wer gezahlt hat, bekommt einen Downloadlink für die Datei und Videos mit Schritt-für-Schritt-Erklärungen. Wendelboe Okkels hat ihr Label 2016 gegründet und seitdem mehr als 300 Strickanleitungen veröffentlicht. Damals war sie kurz davor, Ärztin zu werden, schrieb wissenschaftliche Artikel. Dann brach sie das Medizinstudium nach zehn Jahren ab, um ihr Unternehmen zu gründen.

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„Ich habe gesehen, dass es einen Markt gibt, und dann hat sich das Unternehmen ganz organisch entwickelt“, erzählt sie. „Die geschäftlichen Dinge bin ich professionell angegangen. Aber ich war mir auch bewusst, dass meine Kreativität der Motor des Ganzen ist.“ Deshalb versuche sie immer einen guten Ausgleich zu haben, zwischen dem Aufbau ihres Business und ihrer eigentlichen Arbeit, wie sie sagt: stricken, neue Muster entwerfen, kreativ sein, auch mal die Gedanken schweifen lassen.

Wie viele Anleitungen sie jeden Monat verkauft, möchte sie für sich behalten. Bei einem Spaziergang durch Aarhus erhält man eine grobe Vorstellung davon, dass es viele sein müssen. Sehr viele: Die Bedienung im Restaurant, die Sitznachbarin im Bus, vorbeilaufende Frauen in der Einkaufsstraße – sie alle tragen den kleinen Schal. Lukrativ ist das Geschäft mit digitalen Produkten allemal: Sie hat keine laufenden Produktionskosten, sobald eine digitale Anleitung erst einmal veröffentlicht ist. Und Strickbegeisterte kaufen das Muster für ein zeitloses Stück auch noch Jahre später. So machen es viele Strickdesigner.

Christine (25) kommt aus Kopenhagen. Um den Hals trägt sie, wie so viele, einen Sophie Scarf. Natürlich selbst gestrickt.

„Wir sind alle basic“, sagt eine junge Frau im Stadtzentrum, als sie auf den Schal angesprochen wird und lacht, „aber er ist einfach so schön und so schnell gestrickt.“ Die 25-Jährige heißt Christine und kommt aus Kopenhagen. Sie hat sich das Stricken während der Pandemie beigebracht, wie so viele. Wenige Minuten später – schon wieder ein Sophie Scarf. „Er war ein Geschenk“, erzählt die Trägerin. Eine 24-jährige Norwegerin namens Mina, „ich habe aber auch schon einige davon gestrickt.“

„Covid war ein Booster für den Stricktrend“

Schon vor der Pandemie wurde Stricken bei Jüngeren immer beliebter, sagt Mette Wendelboe Okkels. „Aber Covid war ein Booster für den Stricktrend.“ Viele haben etwas gesucht, mit dem sie sich zu Hause beschäftigen können. Die Gründerin von Petiteknit hat noch eine andere Erklärung. „Stricken lernen ist durch das Internet einfacher geworden. Außerdem sind die Muster jetzt viel modischer.“ Eine befreundete Studentin habe ihr erzählt, dass mittlerweile alle im Hörsaal stricken – auch einige Männer. „Als ich noch studiert habe, war ich immer die Einzige“, sagt die Unternehmerin. Lieber stricken statt scrollen: „Es fühlt sich irgendwie so echt an, etwas mit den eigenen Händen zu machen“, sagt Wendelboe Okkels.

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Immer ist ein neues Design in Arbeit: Mette Wendelboe Okkels hat stets ein Strickprojekt dabei, an dem sie in jeder freien Minute arbeitet: Frühmorgens, im Zug, während die Kinder beim Sport sind, nachts.

In den vergangenen Jahren hat es immer mal wieder einen Boom der Stricknadel gegeben. Etwa in den 1980ern – auch wenn die Trendwelle rückblickend oft auf das Phänomen der strickenden Grünen heruntergeschrumpft werde, wie Ebba D. Drolshagen in ihrem Buch über die Kulturgeschichte des Strickens („Zwei rechts, zwei links“) beschreibt. Zur Jahrtausendwende berichtete die „New York Times“ über ausgebuchte Strickkurse, neue Wollgeschäfte, strickende Menschen in der Subway. Die damalige Begründung: Cocooning. „So nannte man seinerzeit den Wunsch, vor einer anstrengenden globalisierten Welt in die Sicherheit des eigenen Heims zu flüchten und es sich dort nett zu machen“, schreibt Drolshagen.

Zurück nach Aarhus: Das nächste Exemplar vom Sophie Scarf hängt im Schaufenster eines Wollladens. Sobald Mette Wendelboe Okkels ein neues Design veröffentlicht, wollen Kundinnen Wolle kaufen – und dann loslegen, erzählt die Mitarbeiterin Pernille Hauvik Konggaard: „Sie hat Stricken fashionable gemacht.“ Ihre Kollegin Olivia Skov Andersen ergänzt: „Als die Anleitung vor etwa zwei Jahren herauskam, konnten wir gar nicht genug von der Kaschmirwolle nachbestellen, die man dafür braucht.“ Die Schweizer Firma Lang Yarns stellt die Wolle her, die in der Anleitung empfohlen wird. Eine Mitarbeiterin bestätigt, dass der Sophie Scarf eine sehr hohe Nachfrage ausgelöst hat.

Pernille Hauvik Konggaard und Olivia Skov Andersen (v. l.) arbeiten in dem Wollgeschäft Garnkisten in Aarhus. Als der Sophie Scarf von Petiteknit herauskam, war das passende Garn immer wieder ausverkauft.

Die Inspiration für die Entwürfe erhält Wendelboe Okkels von überall her. „Manchmal sind es Techniken, die ich an maschinell gefertigten Kleidungsstücken sehe und in ein handgestricktes Design interpretiere, Trends, die ich im Internet sehe, Kunstwerke“, erzählt sie. „Als ich den ersten Sophie Scarf gestrickt habe, waren kleinen Schals schon im Trend – Baumwollschals, gestrickte Schals, gehäkelte Schals. Also wollte ich dem meine eigene Interpretation geben. Ich hatte ein paar ganz klare Vorstellungen davon, wie meine Version aussehen sollte.“

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Nicht nur in Aarhus, auch in deutschen Städten ist der Minischal zum Renner geworden. Ein scheint, als seien die Trägerinnen – fast alle sind Frauen – Mitglied in einem Club.

„Sobald man das Gleiche strickt, oder weiß, dass man die gleiche Leidenschaft teilt, hat man das Gefühl, man kennt sich auf einer gewissen Ebene“

Mette Wendelboe Okkels, Gründerin von Petiteknit, über die Strick-Community

Tatsächlich fühle sich die Strick-Community im Internet wie ein Club an, sagt Mette Wendelboe Okkels. „Man kennt die Menschen nicht, spricht vielleicht nicht einmal ihre Sprache. Aber sobald man das Gleiche strickt oder weiß, dass man die gleiche Leidenschaft teilt, hat man das Gefühl, man kennt sich auf einer gewissen Ebene“, sagt Wendelboe Okkels. „Stricken ist für alle da, unabhängig von ihren Ansichten, von Politik, Religion oder Ethnie. Deshalb ist es mir auch wichtig, mein Instagram-Profil frei von all diesen Dingen zu halten. Ich glaube, so finden alle zueinander.“

„Tiktok-Modetrend“: Was ist als Nächstes dran?

Soziale Medien und Stricken sind schon seit Jahren eng miteinander verknüpft. Das globale Strickforum Ravelry, gegründet im Jahr 2007, hat derzeit mehr als 12,8 Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Durch Plattformen wie Instagram, Tiktok und Pinterest werden einige Designs heute aber auch in die Timelines von Menschen gespült, die noch nie ein Paar Stricknadeln in den Händen hatten. Und so kommt es, dass der Sophie Scarf von Modemagazinen zum viralen „Tiktok-Modetrend“ ernannt wird, wie etwa die „Cosmopolitan“ schreibt.

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Welcher Trend ist jetzt an der Reihe? „Ich habe keine Ahnung, was als Nächstes kommt“, sagt Mette Wendelboe Okkels, „ich versuche einfach, dranzubleiben.“ Eine erfolgreiche Masche, wie sie gezeigt hat.

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