TV-Kritik

Neuer Krimidreiteiler „Karen Pirie“: Karen zeigt’s den Kerlen

Karen Pirie (Lauren Lyle) ermittelt 25 Jahre später in einem sogenannten Cold Case – dem Mord an der 19-jährigen Rosie Duff.

Karen zu heißen ist für Frauen wie diese mindestens missverständlich, Tendenz Irreführung. In Amerika dient ihr Vorname schließlich als Synonym privilegierter Mittelschichtdominas mit elitärem, reaktionärem, gar rassistischem Weltbild, das von Karen Pirie kaum weiter entfernt sein könnte – nicht nur, weil die Titelfigur einer beeindruckenden ZDF-Serie in Schottland statt New Hampshire lebt.

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Karen Pirie ist Detective-Sergeant in der Uni- und Golfstadt St. Andrews am nordöstlichen Rand Großbritanniens, wo die Ansichten konservativ sind, die Vorgesetzten Machos und deren Hautfarbe weiß. DS Piries Liebhaber dagegen ist schwarz, ihr Denken links, ihr Handeln feministisch. „Keine gute Zeit, Karen zu sein“, meint sie daher zu Beginn eines dreiteiligen Krimis, der trotz verbrecherischer Rahmenhandlung eher Milieustudie als Mörderjagd ist.

Karen Pirie soll einen Cold Case lösen

Die junge Polizistin mit dem Longbob genannten Haarschnitt braver Mädchen soll einen Cold Case lösen, der seit Englands EM-Trauma 1996 ungelöst bei den Akten liegt. Während schottische Fußballfans im Pub der umschwärmten Kellnerin Rosie (Anna Russel-Martin) noch die Halbfinalniederlage gegen Deutschland feiern, stirbt sie unweit ihrer Kneipe vor einer Kathedrale. Anschließend gibt es zwar verdächtige Studenten, die früh am Tatort waren; nach kurzer Haft aber werden alle drei freigelassen und es passiert: nichts.

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Ein Justizskandal – meint rund 25 Jahre später die Bloggerin Bel Richmond (Rakhee Thakrar) in ihrem Podcast und sorgt damit für Kopfzerbrechen bei den Ex-Studenten, die jetzt angesehene Persönlichkeiten von Professor über Arzt bis Künstler sind, bei den Ermittlungsbehörden, denen das Aufrollen alter Fälle naturgemäß zuwider ist. Und nicht zuletzt bei Kommissarin Pirie (Lauren Lyle), die mit dem Nachwuchs-Cop Murray (Chris Jenks) darauf angesetzt wird und – beliebter Krimitwist – in ein Wespennest sticht.

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Immer mehr Widersprüche

Je tiefer sich das Duo von der Gegenwart durch die Neunziger wühlt, desto mehr Widersprüche fördert es zutage. Alte Wunden werden aufgerissen und neue hinzugefügt. Verdächtige von einst agieren kaum weniger rätselhaft als ihre Ermittler und Ermittlerinnen, die schon damals seltsam nachlässig mit Infos wie der von Rosies heimlichem Baby umgegangen sind und heute ebenso wenig Ermittlungseifer zeigen – ein Umstand, der Karen Pirie – die Story und ihre Hauptfigur – auf trübe Seitenarme vom Mainstream konventioneller Krimis führt. Ein Glück!

Denn mit allerlei Rückblenden und Zeitsprüngen in traumhaft schöner, jedoch keineswegs süßlicher Umgebung erzählt Regisseur Gareth Bryn nach Val McDermids auch hierzulande populärem Bestseller (Drehbuch: Emer Kenny) eigentlich ein eher gewöhnliches Whodunit-Stück zum Mitmachen, Mitdenken, Mitfiebern. Ihr eigener Name aber wäre Karen weniger suspekt, steckte darin nicht die Metaebene der x-ten Krimireihe made in UK mit ungewöhnlichem Polizeipersonal.

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Mit Trotz gegen gläserne Decken

Lauren Lyle steuert ihre Figur mit burschikosem Trotz gegen gläserne Decken aus Misogynie und #MeToo, unter der große Brüder meinen, selbst ausgewachsene Schwestern noch gewaltsam vor der Realität beschützen zu müssen, während sie die Femizid genannte Epidemie patriarchaler Beziehungsmorde beiläufig zur Kenntnis nehmen. In dieser Atmosphäre wird DS Pirie auf jeder Ebene diskriminiert, beißt sich aber umso beherzter durch und setzt so Zeichen weiblicher Durchsetzungskraft jenseits feministischer Parolen.

Dass sie, so viel sei vorab verraten, noch jenen Cold Case löst, den ranghöhere Herren der Schöpfung einst mal betriebsblind, mal sehenden Auges auf Eis gelegt hatten, gerät dabei von der ersten bis zur 270. Serienminute mehr ins Nebensächliche. Diese Karen zeigt es den Kerlen, ohne deren Machtspiele zu kopieren, lässt es aber nie raushängen. Dafür danke, Fortsetzung erwünscht.

„Karen Pirie – Echo einer Winternacht“ läuft am Sonntag, 23. Juli, ab 22.15 Uhr im ZDF.

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