Neuer Erreger in Sachsen

Mücken fühlen sich in Leipzig wohl – und können auch das West-Nil-Virus übertragen

Das West-Nil-Virus wird durch gewöhnliche Stechmücken übertragen. In der Region Leipzig-Halle ist der Erreger relativ stark verbreitet.

Leipzig. Vom Nil an Saale und Pleiße - das West-Nil-Virus (WNV) hat sich fernab seines Ursprungsortes eingenistet. Auf allen Kontinenten (außer der Antarktis) kommt es mittlerweile vor. In Deutschland wurde es aber erst 2019 erstmals beim Menschen nachgewiesen; fünf registrierte Infektionen gab es damals. In den darauffolgenden Jahren vermeldete das Robert-Koch-Institut weitere Fälle in Ostdeutschland (2020: 22; 2021: 4; 2022: 17). Einer der Verbreitungsschwerpunkte ist derzeit die Region Leipzig-Halle. WNV wird durch normale Stechmücken übertragen – es zirkuliert vor allem zwischen Stechmücken und Vögeln; Menschen und Pferde gelten als Fehlwirte, wie das Robert-Koch-Institut mitteilt. Dennoch kann WNV ihnen gefährlich werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Im Spätsommer 2020 mussten innerhalb weniger Wochen zwei Frauen und sieben Männer mit schwerem Verlauf am Uniklinikum Leipzig (UKL) behandelt werden – ein Patient starb an den Folgen der schwerstmöglichen Komplikation, einer Gehirnentzündung. „Alle Fälle konnten auf Mückenstiche im Großraum Leipzig zurückgeführt werden – niemand war vorher verreist“, erklärt Professor Christoph Lübbert, Chef der Klinik für Infektiologie und Tropenmedizin am Klinikum St. Georg und Leiter des entsprechenden Bereichs am UKL. Das gehäufte Auftreten war inmitten der Corona-Pandemie kaum öffentlich wahrgenommen worden.

West-Nil-Virus: Gefahr nur für Risikogruppen

Panik ist aber nicht angebracht, betont Lübbert. Denn noch sind die Fallzahlen niedrig und schwere Verläufe selten. „80 Prozent der Infektionen verlaufen asymptomatisch – die Betroffenen merken gar nichts“, erklärt der Infektiologe. Die anderen 20 Prozent der infizierten Patienten haben Kopfschmerzen, Fieber oder Hautausschlag. Manche gehen zum Arzt, aber weil die Krankheit selten ist, werde in den Praxen oft nicht an eine mögliche WNV-Infektion gedacht, so der Experte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Einer von 100 bis 150 Patienten erleide einen sehr schweren Verlauf mit Klinikaufenthalt, erklärt Lübbert. Oft geht es dann um eine Entzündung des zentralen Nervensystems, also von Gehirn und Rückenmark. Möglich sind Langzeitschäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen, aber eben auch tödliche Verläufe. Davon sind in erster Linie über 60-Jährige mit Begleiterkrankungen wie Diabetes oder immungeschwächte Personen betroffen.

Gegen das Virus selbst gibt es kein Medikament – allerdings wurde am Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie ein Impfstoff-Prototyp entwickelt – für die nötigen Zulassungsstudien fehlt aber noch finanzielle Unterstützung aus der Pharmaindustrie. Für Pferde wurden bereits drei Vakzine zugelassen. Bis sich auch Menschen die schützende Spritze geben lassen können, empfiehlt Lübbert vor allem den Risikogruppen einen möglichst umfangreichen Schutz vor Mückenstichen.

Tropen-Sommer verstärken Virus-Ausbreitung

In diesem Jahr gibt es in der Region Leipzig-Halle bislang keine nachgewiesenen Erkrankungen bei Menschen. Das kann sich aber ändern. „Es hängt von der Witterung der kommenden Wochen ab, was noch passiert“, erläutert der Mediziner. „Wenn es noch längere Phasen mit tropischen Temperaturen geben sollte, können sich Menschen infizieren – und bei schweren Verläufen auch in der Klinik landen.“

Lesen Sie auch

Virusvermehrung und Infektiosität der Mücke sind sehr stark temperaturabhängig. Lübbert: „Das Insekt verdaut die Blutmahlzeit bei höheren Temperaturen schneller, hat das Virus schneller in den Speicheldrüsen und im Stechapparat, ist also ansteckender. Weil die Mücke schneller verdaut, hat sie auch schneller wieder Hunger und sticht öfter zu, zudem beschleunigen sich Fortpflanzung und Eiproduktion.“ Milder Winter, feuchtes und warmes Frühjahr und tropischer Sommer mit wenig Abkühlung in der Nacht – das sei der ideale Nährboden für große Mückenpopulationen, die häufiger stechen und sich stärker vermehren, zusammen mit einem schnelleren Entwicklungszyklus des Virus.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Bei verendeten Eulen und Greifvögeln in Dessau-Roßlau, Magdeburg und Berlin wurde WNV in den vergangenen Wochen bereits nachgewiesen, wie das Friedrich-Löffler-Institut mitteilt. Das Virus ist also da – und es wird wegen des Klimawandels nicht mehr verschwinden. „Es überwintert inzwischen auch in den Mücken, die das Virus außerdem an ihre Brut weitergeben“, sagt Christoph Lübbert. Das eigentliche Reservoir seien Vögel, die den Erreger entlang ihrer Zugrouten verbreiten.

Gute Bedingungen für Virus in und um Leipzig

Warum sich WNV gerade in unserer Region etablieren konnte? „Leipzig mit seinem Auwald, den vielen Gewässern ringsherum und der Tieflandsbucht als Wärmeinsel bietet offenbar gute Bedingungen für Mückenbiotope“, vermutet Lübbert. Das Virus wird sich aber vermutlich weiter in Deutschland verbreiten. So sei es auch in den USA gewesen, berichtet der Experte. „Dort gab es den Erreger vor 1999 gar nicht und erste Fälle waren auf den Bundesstaat New York beschränkt – bis Ende 2022 wurde das Virus dann in sämtlichen Bundesstaaten nachgewiesen.“ In diesem Zeitraum seien 56.569 Infektionen beim Menschen dokumentiert, 25.769 der Betroffenen mussten wegen WNV ins Krankenhaus, 2773 starben an den Folgen. Eine ähnliche Entwicklung erwartet der Infektiologe in der Tendenz auch für Deutschland.

TZ Inhalte als bevorzugte Quelle markieren — dann erscheinen unsere Artikel häufiger in Ihren Google-Schlagzeilen.Inhalte in den Google-Schlagzeilen bevorzugen?
Bevorzugen