Meteorologe Dominik Jung zum Wettertrend

April, April: Kommt der Frühling in Sachsen jetzt richtig in Fahrt?

Volle Magnolienblüte vor der Leipziger Thomaskirche. In den nächsten Tagen kann man den Frühling bei warmen Temperaturen und Sonnenschein in vollen Zügen genießen.

Leipzig. Am Donnerstag war der Brocken plötzlich wieder weiß: Ein Kälte-Ei genau über Deutschland ließ uns mit einstelligen Temperaturen und Schnee in den Bergen noch einmal frösteln. Nicht der einzige Ausreißer in diesem April. Warum kommt der Frühling in diesem Jahr bislang nicht richtig in Gang? Ist das warme Wochenend-Wetter der Auftakt für den Wonnemonat Mai? Und was sagen die Langzeitprognosen zum Sommer 2023? Ein Rück- und Ausblick mit dem Meteorologe Dominik Jung vom Portal Wetter.net.

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Warum ist der April bisher so kalt und nass?

Wir haben eine ziemlich festgefahrene Großwetterlage. Diese Beständigkeit kennen wir aus den vergangenen Jahren. Nur anders herum: In den vergangenen Frühjahren war es meist beständiger Hochdruck. „In diesem Frühjahr ist das alles anders, wir haben ein beständiges Tiefdruckwetter. Das kannten wir ja das aus den vergangenen Jahren gar nicht mehr“, so Jung. In diesem Jahr ist der April wirklich mal wieder typisch wechselhaft und eher kühl. Zumindest in Deutschland.

Liegt der Monat ausnahmsweise mal unter der Durchschnittstemperatur der letzten Jahre?

So ist es. Im Vergleich mit dem alten Mittel 1961 bis 1990 liegen wir aktuell rund 0,7 Grad darunter. Nach dem neuen Mittel, bei dem der Zeitraum ab 1990 angelegt wird, sind es sogar 1,5 Grad unter dem Durchschnitt. „Eine Abweichung nach unten: Das ist wirklich eher die Ausnahme in den letzten Jahren“, so Jung.

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Schneebedeckt sind die Tische und Bänke einer Außengastronomie auf dem Brocken. In der Nacht zum Donnerstag kehrte der Winter vorübergehend in den Harz zurück. In Gipfellagen bildete sich eine geschlossene Schneedecke

Fällt der Frühling in diesem Jahr aus?

Im Gegenteil: Wir erleben im Grund mal wieder ein „normales“ Frühjahr. Auch der März kam vielen zu kalt vor, dabei war er 2 Grad zu warm, aber eben auch sehr nass. „Nasses Wetter ist bei den meisten Menschen „schlechtes“ Wetter, obwohl es gut für die Natur ist. Unterm Strich ist es mal wieder ein typisches Frühjahr“, sagt der Wetterexperte. Allerdings ist die unbeständige Wetterlage diesmal tatsächlich ungewöhnlich. „Ich kenne Landwirte die sagen, dass sie sich kaum an ein so wechselhaftes Frühjahr erinnern können, in dem es bisher noch gar keine stabile Hochdruckwetterlage gab. Das macht die landwirtschaftlichen Arbeiten sehr schwer.“

In sozialen Netzwerken meinen einige, der Klimawandel macht gerade eine kurze Pause?

Meteorologe Jung sagt deutlich: Nein! „Das lese ich mittlerweile ständig unter den Videos auf unserem Youtube-Wetterkanal. Das wird wirklich als total billiges und polemisches Argument herangezogen, um gegen einen jahrzehntelangen eindeutigen Klimatrend zu wettern und ihn in Frage zu stellen.“ Klar ist vielmehr: Ein zu kühler Monat bringt keine Wende in der globalen Klimaerwärmung. Zudem ist Deutschland keine Klimainsel. Aktuell erlebt die iberische Halbinsel beispielsweise das genaue Gegenteil: den heißesten April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. „Es sind aktuell einfach nur kleine lokale Besonderheiten in Europa, aber eben Wetterextreme und genau die nehmen aufgrund des Klimawandels immer weiter zu. Genau das erleben wir in diesen Wochen.“

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Außerdem: Klimatrends lassen sich nur aus einer Wetterentwicklung über einen langen Zeitraum ableiten, mindestens über 30 Jahre. „Da vergleicht man also Äpfel mit Birnen, wenn man sagt: Der April ist jetzt kalt und nass, der Klimawandel macht eine Pause. Zumal es auch nur bei uns in Deutschland so kühl und nass ist, in anderen südeuropäischen Ländern ganz und gar nicht.“

Wie geht es bei uns weiter: Folgt ein erneuter Kälteabsturz?

Am Freitag und Samstag ist es deutlich wärmer, teilweise bis zu 22 Grad in Leipzig. Doch der Temperaturabsturz lässt nicht lange auf sich warten: Am Sonntag maximal 18 Grad, Montag bis 14, Dienstag bis 10 Grad, Mittwoch nur noch 9 Grad. Es wird also wieder deutlich kälter. Dabei gibt es weiter riesige Wetterextreme über Europa: So wird es nächste Woche Mittwoch bei uns nur noch 5 bis 12 Grad geben, zugleich schwitzt die Iberische Halbinsel bei 38 bis knapp 40 Grad. „40 Grad gab es dort noch nie im April, der Rekord liegt bei 35 Grad“, so Jung.

Spanien leidet unter extremer Trockenheit in Spanien: Im Sau-Stausee, etwa 100 Kilometer nördlich von Barcelona, wird das Wasser knapp.

Sind die Eisheiligen dieses Jahr besonders früh dran?

Eigentlich „regieren“ die Eisheiligen erst Mitte Mai. „Ob sie es dieses Jahr besonders eilig haben, kann man nicht seriös sagen. Vielleicht wird es aber Mitte Mai wirklich nochmal deutlich kälter. Müssen wir abwarten.“

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Hat der viele Regen geholfen, um die Trockenheit der letzten Monate etwas zu lindern?

Ja, die oberen Bodenschichten sind tatsächlich gut durchnässt. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums zeigt deutlich Entspannung für obere Flächen bis 25 Zentimeter. Auch das verfügbare Wasser für Pflanzen ist bundesweit ausreichend. Allerdings ist das Defizit in tieferen Schichten bis 1,8 Meter Tiefe noch nicht behoben. Auch in Sachsen gibt es auf der Karte weiter rote bis dunkelrote Flecken für starke bis extreme Dürre.

Wie sind die aktuellen Langzeitprognosen für den Sommer 2023?

Die sind seit Monaten recht konstant: Es deutet viel auf einen eher sehr warmen bis heißen Sommer. „Dennoch würde ich erstmal abwarten. Der April wurde zeitweise auch als „sehr warm“ berechnet. Wir sehen ja was daraus geworden ist“, sagt Jung. Langfristtrends stecken insgesamt noch in den Kinderschuhen der Meteorologie. „Die müssen deutlich besser werden: Sie sind nicht mit der Treffsicherheit einer üblichen Wetterprognose zu vergleichen.“

Klimaforscher halten bei uns Extremhitze von über 45 Grad in den Städten in den nächsten 10 Jahren für möglich. Realistisch?

„Das sind Spekulationen“, sagt Wetterexperte Jung. Aber: Wir haben die 40er-Marke in den vergangenen Jahren immer öfters überschritten. Und bei diesen Hitzewellen waren sicherlich die Temperaturen in den dicht bebauten Städten der 45-Grad-Marke schon sehr nah. Denn gerade in den engen Straßen der Städten staut sich die Hitze, besonders nachts kühlt es dort kaum noch ab im Sommer. „Genaue Temperaturprognosen in zehn Jahren sind dennoch unseriös. Was man sagen kann: Es wird wahrscheinlich wärmer werden, aber welche Werte wir tatsächlich erreichen werden, können wir heute noch nicht wissen“, so Jung.

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