Champions League in Freiburg: Schafft Schuster, was nicht mal Streich gelungen ist?
Eine Serie würde helfen. Und auf diese scheint sich der SC Freiburg in der Rückrunde der Fußball-Bundesliga spezialisiert zu haben. Zunächst zwei Niederlagen, dann vier Siege, gefolgt von drei Unentschieden, zwei Pleiten und zuletzt dann wieder drei Siegen.
Würden die Breisgauer die Spielzeit mit drei weiteren Erfolgen abschließen, hätten sie erstmalig in ihrer 121-jährigen Historie die Champions League erreicht. Je nachdem, was die Konkurrenz macht, könnten auch weniger als neun Zähler reichen, um 176. Teilnehmer der 1992 gegründeten Königsklasse zu werden. In Europa League und Uefa-Cup stand der SC schon sechsmal.
Restprogramm: Leverkusen, Kiel, Frankfurt
Ins Heimspiel des drittletzten Spieltags an diesem Sonntag gegen Noch-Meister Bayer Leverkusen (17.30 Uhr, DAZN) startet Freiburg als Tabellenvierter – trotz eines negativen Torverhältnisses – aus der Poleposition. Danach geht es zu Holstein Kiel, zum Abschluss kommt Eintracht Frankfurt. Zwei Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger RB Leipzig bedeuten: Die Chance ist real, dass bald die Champions-League-Hymne in Freiburg erklingt, die Heimspielstätte heißt passenderweise Europa-Park-Stadion.
Für einen Klub wie den SC ohnehin schon besonders, wird das Ganze noch spezieller, da es zu Beginn der Saison die Zäsur auf dem Trainerstuhl gab. Der ewige Christian Streich legte sein Amt ausgebrannt nach zwölfeinhalb Jahren nieder und wurde durch seinen Ex-Spieler und Co-Trainer Julian Schuster ersetzt. Wie hat der besonnene 40-Jährige das geschafft?
Wer ist hier der Boss?
Erst einmal lässt sich festhalten, dass die Veränderung auf den ersten Blick riesig erscheinen mag, eben weil der charismatische und unnachahmliche Streich fehlt. Im Innenleben des Klubs ist aber gar nicht so viel anders geworden. Schuster rückte auf, ansonsten blieb das Team ums Team weitgehend zusammen. Alles war derart vertraut, heißt es aus dem SC-Umfeld, dass der Beförderte bei einem Vorbereitungs-Workshop mit seinem Staff auf einer Schwarzwaldhütte manchmal vergaß, dass nun er der Boss ist.
„Julian war schon als Spieler der längste verlängerte Arm eines Trainers, den ich je gesehen habe“, wurde der langjährige Freiburger Stürmer Nils Petersen vom ZDF zitiert. Fans und Stadt hinter sich bringen musste Schuster somit gar nicht groß; die meisten waren ohnehin schon auf seiner Seite. Die Fluktuation im Kader war zudem gering. Und dann haben in Patrick Osterhage vom VfL Bochum und Eigengewächs Max Rosenfelder auch noch zwei Neue voll eingeschlagen.
Pressinglinie vor, Pressinglinie zurück
In puncto Spielansatz beließ es der neue Chef bei behutsamen Anpassungen, verschob die Pressinglinien leicht nach vorn. Nach anfänglichen Erfolgen fiel das Team damit auf die Nase, sodass es bald wieder hieß: Kommando zurück. Der SC ließ unter Schuster fortan wieder Streichsche Vorsicht walten. „Es wäre frech, nach einem halben Jahr zu sagen, das ist Julian-Schuster-Fußball“, sagte Schuster im Februar im „Aktuellen Sportstudio“.
Der größere Umbruch steht nun wohl erst bevor, wenn Schuster bald den Austausch der Arrivierten moderieren muss, mit denen er teilweise noch zusammengespielt hat. Ob der beste Torschütze Ritsu Doan bleibt, ist beispielsweise ungewiss. Der Japaner soll mit Eintracht Frankfurt verhandeln, will unbedingt in der Champions League spielen. Dieses Ziel ließe sich eventuell in Freiburg umsetzen, die 18,62 Millionen Euro Antrittsprämie sowie üppige erfolgsabhängige Bonuszahlungen würden den Verein finanziell auf ein neues Niveau hieven. Mit Flügelstürmer Cyriaque Irié aus der zweiten französischen Liga soll der erste (10 Millionen Euro teure) Neuzugang so gut wie feststehen.
Und Streich? Macht sich rund um den SC rar. Kürzlich absolvierte er eine Art Praktikum in einer örtlichen Fahrradwerkstatt – und setzte das Erlernte sogleich um. Er radelte über die Pyrenäen ins spanische Bilbao. Trikotsponsor des SC ist ein Dienstradleasing-Anbieter, Athletic Bilbao ist ebenfalls auf dem besten Weg in die Champions League. Streich kennt jetzt die Strecke ins Baskenland, sein Nachfolger womöglich bald diejenige in die fußballerische Königsklasse.