Glamour für die graue Maus
Um 8 Uhr morgens hatte Sandro Wagner am Mittwoch seinen ersten Auftritt beim FC Augsburg. Der neue Trainer des Fußball-Bundesligisten schaute am Vereinsgelände vorbei, stand einigen Medienvertretern kurz Rede und Antwort, und dann ging es rein in die Geschäftsstelle - um den Vertrag zu unterschreiben. Es war eine erste Stippvisite des 37-Jährigen. Viel Zeit, sich den neuen Aufgaben zu widmen, hat Wagner zunächst aber nicht. Erst einmal geht es für den Noch-Co von Bundestrainer Julian Nagelsmann in der kommenden Woche darum, den ersten Titel seit 2017 (Confed Cup) mit der deutschen Nationalmannschaft zu holen.
Im Final Four der Nations League steht der ehemalige Spieler des FC Bayern und U21-Europameister von 2009 das letzte Mal neben Nagelsmann an der Seitenlinie. „Es ist kein Geheimnis, dass es mein großer Wunsch ist, irgendwann selbst als Cheftrainer zu arbeiten“, hatte Wagner Ende April erklärt, als er seinen Abschied vom DFB bekannt gab: „Ich möchte bald den nächsten Schritt gehen.“ Der nächste Schritt heißt nun also FC Augsburg. Wagner beerbt dort Jess Thorup, der erst vor wenigen Tagen von seinen Aufgaben als Trainer entbunden wurde.
Mit Wagner weg vom Graue-Maus-Image
Von Vereinsseite hieß es, man sei „nach intensiver Aufarbeitung zu dem Ergebnis gekommen, für die weitere Entwicklung des Vereins eine Veränderung auf der Position des Cheftrainers vorzunehmen“. Heißt übersetzt so viel wie: Der FCA will weg von einer eher destruktiven Spielweise. Weg vom Image der grauen Bundesliga-Maus. Weg von einem Fußball, der eher auf Verteidigen als auf Angriff ausgelegt ist. Weg von Rang 11 bis 15 – nie landete der FCA in den vergangenen 10 Saisons außerhalb dieser Platzierungen.
Mit der Verpflichtung von Wagner ist Augsburg ein Coup gelungen. Der 37-Jährige galt als wohl heißeste deutsche Trainer-Aktie, soll auch von RB Leipzig, Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg umworben worden sein.
Wagner füllte Rolle als Co von Nagelsmann bestens aus
Der gebürtige Münchner hat sich nach seiner aktiven Karriere als Stürmer schnell einen Namen gemacht im Trainer-Kosmos. Erst führte er die SpVgg Unterhaching aus der Regionalliga zurück in den Profi-Fußball, in den vergangenen knapp zwei Jahren überzeugte er als Assistent von Nagelsmann.
Der zuvor als TV-Experte eloquent auftretende Wagner hat sich beim DFB medial zurückgehalten, fand sich in seiner Rolle als Co-Trainer bestens zurecht. Er coachte im Training aktiv, gab Anweisungen und profitierte vom engen Draht, den er zu den Spielern hatte, und mit denen er teilweise selbst noch zusammen gekickt hatte. Er habe „sein Team mit seiner Expertise und als Person bereichert“, sagt Nagelsmann über Wagner.
Nun rückt Wagner ins Rampenlicht. Er soll den FC Augsburg endlich auf ein neues Niveau heben: attraktiverer, erfolgreicher Fußball - nur 35 Tore erzielte Augsburg in der vergangenen Saison, kein Team spielte sich weniger Großchancen heraus -, gepaart mit der Ausbildung junger Spieler.
Beliebtheit als TV-Experte
Aber ist Wagner der richtige Mann, um der grauen Bundesliga-Maus endlich ein neues Image zu verpassen? Zumindest bringt der 37-Jährige einen gewissen Promi-Faktor mit in den Verein, der sonst wenig Glamour versprüht.
Der ehemalige Bayern-Spieler geizte während seiner aktiven Karriere nicht mit Eigenlob und forschen Aussagen. „Ich könnte jetzt sagen, ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zum Training, aber das mache ich nicht. Ich komme mit dem Porsche zum Training und fühle mich gut dabei.“ Sätze wie dieser machten den Ex-Stürmer zu einer streitbaren Figur.
Doch schon während seiner Zeit als TV-Experte im ZDF und bei DAZN erfreute er sich mit erfrischenden Analysen immer mehr Beliebtheit. Die wurde als Co-Trainer Nagelsmanns mit dem Aufschwung der Nationalmannschaft nur noch größer.
Wagner als Experte in Spieler-Ausbildung
Wagner bringt nicht nur Glamour mit nach Augsburg, sondern jede Menge fachliche Expertise. Zunächst als Stürmertrainer für U-Nationalmannschaften beim DFB, danach als U19-Trainer in Unterhaching und später, wenn auch nur einige Monate, als Co-Trainer von Hannes Wolf bei der U20-Nationalmannschaft erarbeitete sich Wagner als Talente-Entwickler ein gut gefülltes Portfolio.
Auch darauf wird es für ihn in Augsburg ankommen. Denn im Gegensatz zu anderen Bundesligisten verfügt der Klub über kein besonders dickes Portemonnaie. Auf teure Neuzugänge und fertige Topspieler wird Wagner kaum zurückgreifen können. Sein Geschick in der Arbeit mit jungen Spielern wird gefragt sein.
Positiv für Wagner: Zwar werden mit seiner Verpflichtung mehr Augen nach Augsburg schauen. Dennoch ist die mediale Präsenz eine andere als in München, Leipzig oder Leverkusen. Wagner wird Zeit bekommen, seine Philosophie in Augsburg zu manifestieren. Wagner kann sich selbst als Trainer weiterentwickeln, um sich für andere, höhere, Aufgaben in Stellung zu bringen.
Dennoch, und das weiß auch Wagner, lebt das Fußballgeschäft von Ergebnissen. Und auch die wird er schnell liefern müssen.