Energiekrise aus dem Sinn?

Stromfresser Weihnachtsbeleuchtung: Verbrauch könnte 2023 wieder anziehen

Bei ihrem üppigen Weihnachtslichtschmuck lassen sich manche Menschen auch nicht von vergleichsweise hohen Strompreisen abschrecken.

Ende 2022 ließ die Energiekrise viele Menschen bei der sonst üppigen Weihnachtsbeleuchtung kürzertreten – in diesem Jahr könnten die geringeren Strompreise den Verbrauch nun wieder angetrieben haben. Zwar gibt es vor den Festtagen noch keine abschließenden Daten dazu. Manche Experten und Branchenvertreter vermuten aber bereits eine stärkere Nachfrage nach Elektrizität über die ganze Adventszeit, auch für Lichtschmuck zu Hause und im öffentlichen Raum.

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Der beleuchtete Weihnachtsbaum auf der Hamburger Binnenalster.

Vergleicht man den kompletten Stromverbrauch in Deutschland zwischen 2022 und 2023, so fällt laut vorläufigen Zahlen zunächst ein Rückgang auf. Der Bundesnetzagentur zufolge sank er ab Mitte 2022 sogar zeitweilig unter das Niveau des Corona-Jahres 2020. Und bis einschließlich November nahm der Verbrauch in diesem Jahr dann noch einmal um 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ab – wenn der Gesamttrend der Maßstab ist. „Einsparungen waren also in den Daten weiterhin erkennbar“, sagt ein Sprecher der Behörde dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Tendenz steigender Stromnachfrage schon im Herbst

Schaut man allerdings auf die jüngste Entwicklung während der letzten Monate, scheint sich das Bild allmählich zu wenden. Im Herbst kletterten die Werte bereits über den entsprechenden Stand aus 2022. Im Oktober lag der gesamtdeutsche Stromverbrauch um 1,8 Prozent über der Höhe zum Ende des Vorjahresmonats, im November – als viele Haushalte und Unternehmen ihren Adventslichtschmuck schon installierten – um 3,1 Prozent.

Hell beleuchtet ist der Garten der Familie Muschner in Ostbrandenburg. Etwa 20 Zeitschaltuhren sorgen dafür, dass sich das Anwesen samt Hausfassade in ein „leuchtendes Weihnachtsparadies“ verwandelt.

Der genaue Anteil nur für Weihnachtsbeleuchtung im engeren Sinne lasse sich dabei nicht konkret ermitteln, schränkt die Netzagentur ein. Und bis in die ersten Dezembertage habe sich auch ein minimales Minus im Stromverbrauch von 0,4 Prozent gezeigt. Die Experten weisen in diesem Zusammenhang jedoch darauf hin, dass etliche Menschen inzwischen Balkonkraftwerke oder Solaranlagen betreiben.

Der privat gewonnene und genutzte Strom wird von der offiziellen Statistik nicht abgedeckt – doch solcher Eigenstrom fließt vor allem in häusliche Anwendungen wie Lichttechnik und ersetzt auf dem Strommarkt eingekaufte Mengen. Der extern erfasste Verbrauch wird dadurch mitunter als geringer ausgewiesen, erklärte die Bonner Behörde.

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Umfragen legen nahe: Energiesparen hat oft nicht mehr höchste Priorität

Hinzu kommt, dass repräsentative Befragungen eine wieder stärkere Nutzung von Weihnachtsbeleuchtung andeuten. So gaben in einer Untersuchung im Auftrag des Vergleichsportals Check24 Ende Oktober nur noch rund die Hälfte der Teilnehmenden an, in diesem Winter explizit Strom einsparen zu wollen. Der Geschäftsführer für den Bereich Energie, Steffen Suttner, hält die Entspannung des Marktes für eine wesentliche Ursache.

Jetzt sind die Strompreise (…) wieder deutlich niedriger. Deshalb erwarten wir, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher diesen Winter weniger auf ihren Energieverbrauch achten werden.

Check24-Manager Steffen Suttner über die absehbare weitere Entwicklung der Stromnachfrage seit Anfang Dezember

„Im vergangenen Winter setzten die hohen Strompreise einen starken Anreiz zum Energiesparen“, sagt der Branchenbeobachter dem RND. „Jetzt sind die Strompreise, vor allem bei alternativen Anbietern, wieder deutlich niedriger. Deshalb erwarten wir, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher diesen Winter weniger auf ihren Energieverbrauch achten werden.“ Noch längst nicht ausgemacht ist indes, ob die Kosten im kommenden Jahr wieder zulegen – dabei könnten etwa Änderungen oder Streichungen von Bundeszuschüssen zu den Netzentgelten eine Rolle spielen, die nach dem Haushaltsurteil des Bundesverfassungsgerichts möglicherweise nötig werden.

Strompreise für private Haushalte und Firmen in Deutschland könnten infolge der Haushaltskrise bald auch wieder steigen.
Das Haushaltsurteil hat bereits Folgen für Verbraucherinnen und Verbraucher.

Eine ähnliche Weihnachtsprognose 2023 wie Check24 – und zwar direkt mit Bezug auf Lichtschmuck – gibt der Hamburger Ökostromanbieter Lichtblick ab. Nach Angaben des Unternehmens legt eine ebenfalls repräsentative Auftragsumfrage nahe, dass der erwartete summierte Stromverbrauch kleiner Weihnachtslämpchen, wie sie zum Beispiel in Lichterketten oder Christbaum-Accessoires enthalten sind, in dieser Adventssaison zumindest leicht zulegen dürfte: von rund 614 Millionen Kilowattstunden im Vorjahr auf diesmal 622 Millionen Kilowattstunden.

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Mehr LED-Technik, aber auch mehr Gesamtverbrauch?

Grund dafür sei, dass die Zahl der verwendeten Lämpchen in den privaten Haushalten von gut 19,9 Milliarden im Vorjahr auf geschätzt 21,8 Milliarden Stück steige. Dies bedeute auch einen Anstieg der Stromkosten für die Weihnachtsbeleuchtung von ungefähr 227 Millionen Euro im Jahr 2022 auf nunmehr wohl um die 286 Millionen Euro. Als Berechnungsbasis beruft sich Lichtblick dabei unter anderem auf Daten des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Dass der Verbrauch nicht im selben Ausmaß zugenommen habe wie die Zahl der Lämpchen, liegt der Firma zufolge am gewachsenen Anteil effizienterer LED-Varianten. Diese machten mittlerweile 80 Prozent aller eingesetzten Lämpchen aus. „Das reicht allerdings nicht aus, um dem steigenden Stromverbrauch entgegenzuwirken“, heißt es bei Lichtblick. Die Befragung habe zudem gezeigt, dass in diesem Jahr mehr als drei Viertel der Teilnehmenden auch öffentliche Weihnachtsbeleuchtung befürworteten. „Im vergangenen Jahr waren das 10 Prozent weniger.“ Generell habe 2022 noch jeder Dritte betont, durch weniger Lichtschmuck Energie einsparen zu wollen. „In diesem Jahr schließen sich nur noch 16 Prozent diesem Vorhaben an.“ Die Energiekrise scheine also eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Langfristig wird Deutschlands Strombedarf stark zulegen

Wie die Bilanz des Stromjahres 2023 – und der Rolle der Weihnachtsbeleuchtung darin – am Ende auch ausfallen wird: Zwischenzeitliche Rückgänge der Nachfrage dürften eher ein bloß kurzfristiges Phänomen bleiben. „Der Strombedarf wird in den kommenden Jahren deutlich ansteigen, da Mobilität und Wärmeerzeugung in Gebäuden und Industrie zunehmend elektrifiziert werden“, heißt es schon im letzten Bericht der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende.

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Elektroautos stehen vor einer Ladestation im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Es werde auf mittlere Sicht außerdem viel zusätzlicher Strom für die Erzeugung klimaneutralen Wasserstoffs benötigt – die energieintensive Spaltung von Wasser (Elektrolyse) ist beispielsweise in der Stahl- und Chemieindustrie ein zentrales Zukunftsthema. Ganz zu schweigen vom riesigen Strombedarf, den der Ausbau der E-Mobilität erzeugen wird.

Bis 2040 rechnen Experten der Unternehmensberatung PwC und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung allein für elektrische Fahrzeuge mit einem Verbrauch von 355 Terawattstunden (Milliarden Kilowattstunden) in Europa – heute sind es gerade einmal 16 Terawattstunden. Im Vergleich dazu dürften saisonale Schwankungen wie durch die Weihnachtsbeleuchtung kaum ins Gewicht fallen.

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