Auf ins Anti-Trump-Land: Warum Lars Klingbeil nach Kanada reist
Berlin. Vor dem Abflug gibt Lars Klingbeil einen Hinweis, der klarmacht, wohin es nicht geht. Mit der Regierung des Landes, das er besuchen werde, habe die Bundesregierung viel gemeinsam, allem voran dieses: „Wir setzen auf Stärke durch Kooperation.“ Das Völkerrecht und den regelbasierten Handel zählt der Vizekanzler, Finanzminister und SPD-Chef noch auf – und auch die Forderung nach einem schnellen Ende des Iran-Kriegs sowie die Unterstützung der Ukraine.
Es wird deutlich: Wenn Klingbeil gleich nach Westen fliegt, sind nicht die USA das Ziel, wo Präsident Donald Trump auf Aggression, Alleingänge, Drohungen und Zölle setzt. Am Freitag wird der Finanzminister etwas weiter nördlich zu einem zweitägigen Besuch in Kanada erwartet – dem Land, dem Trump schon einmal mit Annexion drohte.
Der neue Premierminister Mark Carney von der Liberalen Partei hat dort vor einem Jahr mit einem klaren Anti-Trump-Kurs die Wahl gewonnen und sich dabei sogar eine absolute Mehrheit gesichert.
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Zur vollständigen AnsichtDas passt zum Bemühen der Bundesregierung, sich von den unberechenbar gewordenen USA unabhängiger zu machen und Allianzen mit anderen demokratischen Staaten zu stärken – als eine Art Koalition der Konstruktiven. Gerade hat Trump den Abzug von US-Truppen aus Deutschland angekündigt.
Die Versorgung mit kritischen Rohstoffen soll bei den Gesprächen im Vordergrund stehen. Kanada fördert etwa Kobalt, Grafit, Lithium, Nickel und Kupfer. Batterien, Elektromotoren und Windkraftanlagen lassen sich damit unter anderem bauen. Auch bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und im Rüstungsbereich will man enger zusammenarbeiten.
Stärkung der eigenen Wirtschaft
Gleich zu Beginn besucht Klingbeil mit seinem kanadischen Kollegen François-Philippe Champagne den Flugzeugbauer Bombardier, dessen Maschinen von der Bundeswehr unter anderem als Aufklärungsflugzeuge genutzt werden. Die kanadische Regierung setzt wie Klingbeil und andere europäische Finanzminister auf eine Stärkung der eigenen Wirtschaft durch Kampagnen unter dem Motto „Buy Canadian“ und „Buy European“.
Eine erfolgreiche Sozialdemokratin
Mit der Teilnahme am „Global Progress Action Summit“, der vom liberalen US-Think-Tank „Center for American Progress“ organisiert wird und über Möglichkeiten beraten soll, Demokratien zu bewahren, setzt Klingbeil am Samstag ein weiteres Zeichen. Und während die Koalition in Berlin um Fassung ringt und die SPD in den Umfragen weiter vor sich hin dümpelt, trifft er sich in Kanada mit einer erfolgreichen Sozialdemokratin: Die Bürgermeisterin von Toronto, Olivia Chow, wird dem Parteichef aus Deutschland ihre Stadt zeigen.
Und zu einem Konferenz-Abendessen auf Einladung von Premier Carney kommt ein US-Präsident vorbei, der einst viel Hoffnung verbreitete. Der frühere Amtsinhaber Barack Obama hält dort eine Rede. Auch er macht aus seinem Entsetzen über Trump mittlerweile keinen Hehl mehr.