Probleme mit Schulschwänzern in Sachsen + AfD in Rathäusern + Höchststand bei illegalen Autorennen
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Sachsens Schulen stehen am Limit: volle Klassen, Unterrichtsausfall, Lehrkräftemangel – und jetzt auch Rekorde bei Schulverweigerung. Mehr als 8000 Ordnungswidrigkeitsverfahren, siebenstellige Bußgelder, Jugendarrest als Drohkulisse – als wolle man mit Strafzetteln gegen ein System kämpfen, das aus den Fugen gerät.
Doch Schulabsentismus – so der offizielle Name fürs permanente Schwänzen oder Verweigern – muss auch als Hinweis auf strukturelle Defizite verstanden werden. GEW-Sachsen-Chef Burkhard Naumann bringt es auf den Punkt: „Die Zahlen sind weniger ein Ausdruck individueller Unwilligkeit, sondern ein Symptom der Probleme im Schulsystem.“ Wer nur Geldstrafen verteilt, verwaltet das Problem und verschiebt die Verantwortung nach unten: auf Schulen und Lehrkräfte.
Statt Prävention, Schulsozialarbeit und Unterstützung auszubauen, spart Sachsen weiterhin an den entscheidenden Stellen. Klassenleitungen und Lehrkräfte haben zu wenig Zeit für einzelne Schüler. Ganztagsangebote und Förderstunden werden der akuten Stundenabsicherung geopfert, weil schlichtweg Lehrerinnen und Lehrer fehlen. Die Schulsozialarbeit bleibt lückenhaft und droht sogar, ausgedünnt zu werden. Und die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss ist auf neue Höchstwerte gestiegen.
Die Folge ist: Das System kollabiert. Die Zahl der Schulverweigerer steigt, und es wird so getan, als ließe sich das Problem mit Paragrafen regeln. Wer Absentismus wirkungsvoll bekämpfen will, muss mehr liefern, nicht zwangsläufig bestrafen. Es gibt auch hervorragende, helfende Projekte, um Kinder und Jugendliche „anders“ zu unterrichten. Doch es sind viel zu wenig. Ansonsten bleibt Sachsens Bildungspolitik nichts weiter als ein Paradebeispiel für Aktionismus ohne Wirkung.
Thema des Tages
So viele Verfahren wegen Schulschwänzens in Sachsen wie noch nie
In Sachsen haben die Probleme mit Schulschwänzern und Schulverweigerern eine neue Dimension erreicht. Erstmals mussten deshalb im vergangenen Schuljahr 2024/2025 über 8000 entsprechende Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet werden. Gleichzeitig stieg die Summe der gegen einzelne Schulpflichtige oder deren Erziehungsberechtigte verhängten Geldbußen über die Millionen-Euro-Grenze.
Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU) erklärte dazu, dass der Freistaat viele Angebote zur Unterstützung und Einhaltung der Schulpflicht vorhalte. Wer der Schulpflicht dennoch mutwillig nicht nachkommt, müsse auch künftig mit konsequenten Verfahren und Geldbußen rechnen.
Kritik an diesem Vorgehen kommt von der BSW-Landtagsfraktion und von der Bildungsgewerkschaft GEW. Moniert wird, dass Sachsen Schulabsentismus nur verwaltet, statt deutlicher dagegen vorzugehen. Notwendig seien mehr unterstützende Angebote für Lehrer, Eltern und die Schüler selbst. Stattdessen würde allerdings in diesen Bereichen spürbar gestrichen, so der Vorwurf.
Probeabstimmung
Wir wollen von Ihnen wissen: Halten Sie Bußgelder für ein geeignetes Mittel, um Schulschwänzen und Schulverweigerung entgegenzuwirken? Das Ergebnis der Abstimmung finden Sie am Dienstag im Newsletter.
Stimmen Sie hier abSachsen stellt zum Halbjahr weniger neue Lehrkräfte ein als vor einem Jahr
Zum Start ins zweite Halbjahr hat Sachsen weniger personelle Verstärkung für die Schulen gewonnen: Etwas mehr als 700 Lehrerinnen und Lehrer haben nach den Winterferien ihren Job vor der Klasse aufgenommen, wie aus Zahlen des Bildungsministeriums hervorgeht. Genau vor einem Jahr waren es knapp 150 oder 17 Prozent mehr. Etwa 100 Stellen sind noch offen und sollen überwiegend in den besonders schlecht versorgten Regionen in Ostsachsen sowie im Erzgebirge vergeben werden. Sachsen will testen, ob es dabei hilft, wenn Bewerberinnen und Bewerber von Beginn an für zwei Schulen ausgewählt werden und zum Beispiel drei Tage in Dresden arbeiten und zwei Tage in Ostsachsen – ein Kompromissversuch. Doch aus den Reihen der Eltern und der Schulleitungen wird ein ganz anderer Wunsch laut.
Was sich unter einem Bürgermeister von der AfD ändert
In mehreren ostdeutschen Kommunen stellt die AfD inzwischen Bürgermeister und einen Landrat – teils ohne größere öffentliche Proteste. Vor Ort zeigt sich, dass viele Wahlversprechen wegen fehlender Zuständigkeiten oder knapper Kassen kaum umsetzbar sind. Es gibt Kritik an Führungsstil, Personalentscheidungen oder rechtlich fragwürdigen Beschlüssen.
In Pirna etwa ließ Oberbürgermeister Tim Lochner nach seinem Amtsantritt die Regenbogenflagge zum CSD nicht mehr hissen und verweigerte den Ratssaal für eine Grundgesetz-Feier. Zudem wurden Mittel für ein Demokratieprojekt gestrichen. In Altenberg setzte der neue Bürgermeister André Barth die Schließung zweier Kitas trotz Protesten von Einwohnern um. Öffentlich agiert er moderat.
Allgemein betonen die Bürgermeister Pragmatismus und Bürgernähe. Beobachter sehen die Amtsträger in den ostdeutschen Kommunen auch strategisch bedeutsam für die Partei, etwa mit Blick auf ein mögliches Verbotsverfahren.
Sachsen verzeichnet Höchststand bei illegalen Autorennen
Sachsens Polizei muss sich immer häufiger mit illegalen Autorennen befassen. Seit Herbst 2017 sind die Rennen bundesweit strafbar. Im Jahr darauf wurden im Freistaat 16 dieser Rasereien erfasst. Dabei kam es zu einem Unfall. 2019 registrierte Sachsens Polizei bereits deutlich mehr Fälle – 81. Auch in der Coronazeit mussten sich Beamtinnen und Beamte ungeachtet der Mobilitätseinschränkung von Jahr zu Jahr häufiger mit wetteifernden Fahrern befassen.
Die Zahl der nach Paragraf 315d verfolgten verbotenen Rennen stieg stetig. Mit 343 erreichte sie im vergangenen Jahr einen Höchststand in Sachsen. Im Zuge der risikoreichen Fahrten ereigneten sich 49 Unfälle.
Sparkassen in Sachsen halten Filialnetz stabil
Trotz jahrelangen Filialabbaus verfügen die Sparkassen in Sachsen weiterhin über das dichteste Netz im Vergleich zu Wettbewerbern. Seit 2010 sank die Zahl der Geschäftsstellen im Freistaat von 828 auf 535. Zuletzt verlangsamte sich der Rückgang deutlich, während die Zahl der Geldautomaten leicht stieg. Laut einer Studie erreichen 90 Prozent der Menschen bundesweit eine besetzte Sparkassen-Filiale in weniger als acht Minuten mit dem Auto. In Sachsen liegt der Wert bei 4,3 Minuten.
Verbraucherschützer verweisen auf den öffentlichen Auftrag der Institute, erwarten aber weitere Kürzungen wegen sinkender Erträge und warnen vor Nachteilen für weniger digitalaffine Kunden. Finanzexperten sehen in der Präsenz vor Ort einen Wettbewerbsvorteil, zumal Großbanken ihre Filialnetze deutlich stärker ausgedünnt haben.
Meinung
Solidarität mit den Streikenden zahlt sich für alle aus
Die Gewerkschaft Verdi macht im aktuellen Tarifstreit mit den kommunalen Arbeitgebern und den Verkehrsbetrieben gerade ziemlich Alarm. Bundesweit und tageweise wird der Betrieb von Bussen und Straßenbahnen lahmgelegt. So mancher denkt sich da bei der hektischen Suche nach Alternativen: Das nervt, muss das sein?
Ja, findet Landespolitik-Korrespondentin Franziska Höhnl. Und Solidarität mit den Streikenden zahlt sich sogar aus – buchstäblich, für uns alle. Man müsste ein extremer Optimist sein, um zu glauben, dass das Exportgeschäft in Zeiten unkalkulierbarer US-amerikanischer Zollpolitik und nationaler Ellenbogen-Egoismen wieder anzieht – bleiben also das Inland und auch die private Kauflaune. Die war zuletzt schon für das Mini-Wirtschaftswachstum mitverantwortlich, wie die Statistiker aus Wiesbaden ausgerechnet haben. Und was sorgt dafür, dass Privatleute mit gutem Gewissen mehr Geld ausgeben? Richtig: mehr Geld im Portemonnaie.
Zum Hören
Simson-Erbe Dennis Baum: „Ich will die AfD herausfordern“
Die Nachfahren der jüdischen Gründerfamilie Simson werfen der AfD vor, den Markennamen politisch zu vereinnahmen, und prüfen rechtliche Schritte. Anlass sind unter anderem Wahlplakate mit Slogans wie „Lieber Simson statt Lastenrad“. Die Partei weist das zurück. Großneffe Dennis Baum, dessen Familie 1936 von den Nationalsozialisten enteignet wurde, spricht von einer „Beleidigung“ des Familienerbes.
Der Podcast „Thema in Sachsen“ beleuchtet die juristischen Hintergründe zu Markenrechten und Treuhand-Verträgen. Simson-Fans und ein Politikwissenschaftler ordnen ein, wie sehr der Streit die Szene und mögliche Wähler tatsächlich bewegt.
Ein neuer Krieg erschüttert die ganze Welt
Israel und die USA haben am Samstagmorgen mit einem großangelegten Angriff auf den Iran begonnen. Dabei ist auch der oberste Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei (†86), getötet worden. Teheran reagierte darauf mit massiven Vergeltungsschlägen in der gesamten Region. Im Nahen Osten ist ein neuer Krieg ausgebrochen – mit bisher nicht absehbaren Folgen für die ganze Welt. Ein Ende der Kampfhandlungen ist nicht in Sicht. US-Präsident Donald Trump (79) strebt einen nachhaltigen Machtwechsel im Iran an und fordert die Einstellung des iranischen Atomprogramms. Ob das klappt, ist noch völlig offen. Denn das Herrschaftssystem der Islamischen Republik ist durch Chameneis Tod zwar erschüttert, aber noch nicht am Ende.
Protokollnotiz
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ist nicht nur ein Bienenfreund, sondern auch ein Pflanzenliebhaber. Der Regierungschef hat die Schirmherrschaft für die Blumen- und Floristikausstellung „Dresdner Frühling im Palais“ im Großen Garten übernommen, die bis 8. März zu sehen ist. Alle zwei Jahre erfüllt die Schau für lediglich zehn Tage das barocke Lustschlösschen mit einem farbenprächtigen und betörend duftenden Gesamtkunstwerk aus Zehntausenden Frühlingsblühern. Kretschmer genießt am Montag diese Pracht, wird am Morgen als Schirmherr auch die Publikumstüren öffnen (9 Uhr) und die ersten Besucher des Tages begrüßen.
Vorige Probeabstimmung: Ihr Votum
Dass Frauen besser bezahlt werden sollten als Männer, um die Lohnlücke auszugleichen, denken 49,1 Prozent der Leserinnen und Leser dieses Newsletters. 46,2 Prozent beantworten die entsprechende Frage mit „nein“.
Schlagzeilen
Termine
Vox Populi
Die Dresdner Altmarkt-Galerie verliert einen ihrer größten Mieter: Der Saturn-Markt wird schließen. Wann Schluss sein soll, wie der Mutterkonzern das Aus begründet und wie es für die Mitarbeiter weitergeht – dieses Thema hat Sie am Wochenende am meisten interessiert.
Meine Extra-Empfehlungen
Verseucht: Ebola, Nipah, Vogelgrippe. Auf der Ostseeinsel Riems wird hinter Stacheldraht rund um die Uhr die Sicherheit des Landes verteidigt. David Fuhrmann hat für „Zeit im Osten“ den „Tierseuchen-Sperrbezirk“ besucht – die gefährlichste Insel Deutschlands.
Überlebt: Zum Jubiläum „80 Jahre Wismut Aue“ blickt der MDR auf ein Phänomen. Wie schafft es ein Verein aus einer Kleinstadt, über Jahrzehnte die Großen zu ärgern? Der Film „Schachtzig“ blickt auch auf Umbrüche und zeigt, dass in Aue die Uhren (bisweilen) anders ticken.
Visionär: Es klingt wie Science-Fiction. Man beschreibt ein Problem in normaler Sprache – und die Künstliche Intelligenz löst es. Marie Kilg und Gregor Schmalzried haben neue Tools ausprobiert und fragen in ihrem Podcast: Haben wir die Super-KI vielleicht schon, ohne es zu wissen?
Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Wochenstart. Bis morgen, Ihr
Andreas Debski
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