Zu wenige Kinder

80 Kilometer mit dem Bus: Die Folgen von über 700 Schulschließungen in Griechenland

Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis kündigte am vergangenen Wochenende umfassende Steuererleichterungen für Familien mit Kindern an. (Archivbild)

Für die sechsjährigen Griechinnen und Griechen beginnt am Donnerstag ein neuer Lebensabschnitt: Sie werden eingeschult. Doch für viele ist der Schulweg deutlich länger als erwartet. Zum Start des neuen Schuljahres schließt das griechische Erziehungsministerium mehr als 750 Grundschulen und Kindergärten – ein drastischer Schritt, ausgelöst durch den anhaltenden Geburtenrückgang.

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Bislang gab es in Griechenland 14.857 Schulen. Jetzt sind es nur noch 14.091. Allein in der Hauptstadtregion Attika bleiben 77 Grundschulen und 73 Kindergärten geschlossen. Der Grund: Es gibt nicht mehr genügend Kinder. Sobald die Zahl der Schülerinnen und Schüler unter 15 sinkt, muss eine Schule laut den Vorgaben des Ministeriums schließen. Zunächst gilt die Schließung für drei Jahre. Wird auch danach die Mindestzahl nicht erreicht, bleibt die Schule dauerhaft geschlossen.

Diese Entwicklung spiegelt den demografischen Wandel im Land auf dramatische Weise wider. Seit 2012 schrumpft die Bevölkerung. Im vergangenen Jahr registrierte die Statistikbehörde ELSTAT 127.169 Sterbefälle, aber nur 71.249 Geburten. Mit 1,3 Kindern pro Frau liegt die Geburtenrate deutlich unter dem für Industrieländer geltenden Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern. Setzt sich der seit 2011 andauernde Trend fort, wird die Bevölkerung Griechenlands von derzeit 10,4 Millionen bis zum Jahr 2100 auf 7,4 Millionen sinken.

In den Bildungseinrichtungen ist dieser Rückgang bereits deutlich zu spüren. Im Schuljahr 2018 zählte Griechenland noch 1,36 Millionen Schülerinnen und Schüler. In diesem Jahr sind es nur noch 1,21 Millionen. In den Klassen bleiben immer mehr Stühle leer. „Die Entwicklung in den Klassenzimmern spiegelt die Lage auf den Entbindungsstationen wider“, sagte Bildungsministerin Sofia Zacharaki kürzlich. Sie verspricht jedoch: „Kein Kind wird vom Bildungssystem ausgeschlossen – egal, wie abgelegen es lebt.“

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Manche Schulen bleiben trotzdem geöffnet

Tatsächlich wird die 15-Schüler-Regel in der Praxis häufig nicht strikt angewendet. In vielen Dörfern und auf kleinen Inseln bleiben zumindest die Kindergärten und Grundschulen geöffnet, auch wenn sie offiziell zu wenig Kinder haben. So wurde auf der Insel Pserimos in diesem Jahr eine seit Jahren geschlossene Schule eigens für drei Erstklässler wieder in Betrieb genommen. Auf Telendos ist der zehnjährige Savvas sogar der einzige Schüler. Ein Fischer bringt die Lehrerin jeden Morgen mit seinem Boot vom benachbarten Kalymnos auf die kleine Insel. Besonders in den Grenzregionen zur Türkei bemüht sich die Regierung, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten – auch, um der Abwanderung aus dieser strategisch wichtigen Gegend entgegenzuwirken. Dennoch wird der Schulweg für viele Kinder in ländlichen Regionen immer weiter. Manche müssen bis zu 80 Kilometer mit dem Bus fahren.

Der Geburtenrückgang ist kein ausschließlich griechisches Phänomen. Auch in anderen europäischen Ländern liegt die Geburtenrate unter dem Bestandserhaltungsniveau: In Deutschland derzeit bei 1,39, in Österreich bei 1,31. In der Schweiz sank sie 2024 sogar auf ein historisches Tief von 1,29.

In Griechenland hat die demografische Krise jedoch besondere Ursachen. Sie reichen zurück in die Schuldenkrise der 2010er Jahre. Erstmals in der jüngeren Geschichte des Landes lag 2011 die Zahl der Geburten unter der der Sterbefälle. Das war kein Zufall, denn die Sparauflagen der internationalen Kreditgeber stürzten Griechenland damals in die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele junge Paare konnten sich Kinder schlicht nicht leisten. Rund 500.000 überwiegend junge und gut ausgebildete Griechinnen und Griechen verließen in dieser Zeit das Land, um im Ausland eine neue Existenz aufzubauen. Viele von ihnen gründeten dort Familien und setzten Kinder in die Welt. In Griechenland hingegen liegt das durchschnittliche Familieneinkommen noch immer unter dem Niveau vor der Krise. Kinder zu bekommen, bleibt für viele unerschwinglich.

Anders als andere europäische Länder profitiert Griechenland bislang kaum von Zuwanderung – ein möglicher Weg, den demografischen Wandel abzufedern. Doch wegen niedriger Einkommen und schwacher Sozialleistungen gilt das Land nicht als attraktives Ziel für Einwandererinnen und Einwanderer.

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Premierminister Kyriakos Mitsotakis ergreift Maßnahmen

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Die Überalterung wirkt sich auch auf das Wirtschaftswachstum aus und wirft eine zentrale Frage auf: Wie wird Griechenland in Zukunft seine enormen Staatsschulden refinanzieren? Die Tilgung der Hilfskredite, die Griechenland in den 2010er Jahren von den Euro-Partnern bekam, läuft bis ins Jahr 2070. Aus der demografischen Krise könnte sich langfristig eine neue Finanzkrise entwickeln.

Die Regierung versucht gegenzusteuern. Premierminister Kyriakos Mitsotakis kündigte am vergangenen Wochenende umfassende Steuererleichterungen für Familien mit Kindern an. Künftig bleiben Einkommen bis 20.000 Euro für Menschen unter 25 Jahren steuerfrei. Damit soll jungen Leuten ein Anreiz gegeben werden, in Griechenland Familien zu gründen und Kinder zu bekommen.

Mitsotakis hat die demografische Gefahr früh erkannt. Bereits in den vergangenen Jahren erhöhte er das Kindergeld und erweiterte den Mutterschutz. Doch bislang blieb der Erfolg aus. Ob die nun verkündeten Maßnahmen nachhaltige Wirkung zeigen, wird sich erst in einigen Jahren in der Geburtenstatistik ablesen lassen.

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