Selenskyj droht Russland Vergeltung an – mit westlichen Kampfjets
Berlin/Brüssel. Die Attacken gehörten zu den heftigsten Luftangriffen durch Russland, seit es den Krieg gegen die Ukraine vor zweieinhalb Jahren auf das gesamte Land ausgeweitet hat – nun will Kiew mit einem heiklen Gegenschlag antworten: Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte in seiner abendlichen Videobotschaft Vergeltung für die massiven russischen Luftschläge an. Pikant daran: Die Ukraine werde dabei auch die vom Westen gelieferten F-16-Kampfjets einsetzen, erklärte Selenskyj.
Sowohl in der Nacht zu Montag als auch zu Dienstag hatte Russland sein Nachbarland laut ukrainischen Angaben mit mehr als 200 Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen attackiert – und dabei vor allem auf die Energieinfrastruktur des Landes gezielt, also auf zivile Ziele. Mindestens neun Menschen starben, 47 weitere wurden verletzt. Die Behörden berichteten von massiven Schäden an der Energieinfrastruktur.
Selenskyjs Drohung mit F-16-Kampfjets: Ein hohes Risiko
Einen harten Vergeltungsschlag hat Präsident Selenskyj nach dem schweren Angriff auf die ukrainische Energieversorgung angekündigt. Erstmals sollen auch westliche F-16-Kampfjets zum Einsatz kommen. Damit geht Selenskyj ein hohes Risiko ein, kommentiert Sven Christian Schulz.
„In einigen Orten hat der Terrorstaat zivile Ziele mit Streumunition angegriffen“, teilte Selenskyj nach einem Treffen mit der Militärführung über Telegram mit. Bevor die Reparaturen am Energiesektor beginnen könnten, müssten die Streubomben entschärft werden.
F-16 gar nicht in der Ukraine stationiert?
Details zu den angekündigten Vergeltungsschlägen nannte Selenskyj allerdings nicht. Er verwies nur auf die seit drei Wochen laufende ukrainische Offensive im russischen Gebiet Kursk. Die ukrainischen Truppen hätten dort ihre Kontrolle ausgeweitet und erneut russische Kriegsgefangene genommen, was die Möglichkeiten für den Austausch von Gefangenen verbessere. Die Bombardierungen, über die auch das russische Verteidigungsministerium ausführlich berichtete, gelten als Teil der Vergeltung für die ukrainische Offensive im Gebiet Kursk, die am 6. August begann. Die ukrainische Luftverteidigung wehrte nach eigenen Angaben 201 Angriffe ab.
„Die russische Luftverteidigung ist immer noch extrem stark, auch bei Zielen in großer Entfernung“, sagt der Militärexperte András Rácz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. „Russlands eigene, moderne Kampfjets sind viel fortschrittlicher als die älteren F-16, die nun die Ukraine bekommen hat.“ Der Einsatz der F-16 im russischen Luftraum sei extrem riskant. Allerdings sind die F-16 bisher kaum in der Ukraine gesehen worden.
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Zur vollständigen AnsichtOberst Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer hält die Wahrscheinlichkeit für sehr groß, dass sich die F-16 gar nicht in der Ukraine befinden. „Das große Problem der F-16 ist ihre Stationierung“, sagt er. Die Russen hätten dank Satelliten, Drohnen und Hinweisen aus der Bevölkerung ein gutes Lagebild. „Sobald rauskommt, wo die Ukraine ihre F-16 stationiert, sind diese Flugplätze natürlich schnell unter Dauerbeschuss“, so Reisner.
Bei der ukrainischen Offensive in der russischen Region Kursk könnte die Ukraine die Luftüberlegenheit mit den F-16 zumindest lokal begrenzt gewinnen, meint der Experte. Bis 40 Kilometer an die Front heran könnten die Kampfjets fliegen, um nicht von der russischen Flugabwehr abgeschossen zu werden. Das sei aber ausreichend, so Reisner, da Kampfjets mit Munition von 120 Kilometern Reichweite bestückt werden könnten. „Wenn die Ukraine sich aber nun in Kursk ohne den Schutz durch die F-16 oder mitgeführte Flugabwehr einrichtet, dann kann Russland relativ bequem – so wie sie es das zuletzt auch immer wieder getan hat – das Gebiet aufklären, Ziele identifizieren und aus sicherer Distanz mit Gleitbomben ein Ziel nach dem anderen zerstören.“
Experte glaubt nicht an F-16-Einsatz bei Kursk-Offensive
Ob Selenskyj mit dem Einsatz der F-16, deren Lieferung im Westen lange umstritten war, Ernst macht oder vor allem auf den Effekt der Drohung setzt, war zunächst unklar. Schon zuvor hatte der Präsident mit Blick auf die Schäden in einer Videobotschaft mehr Waffen von den Verbündeten gefordert und eine Freigabe reichweitenstarker westlicher Raketen für den Beschuss von Zielen auf russischem Gebiet im Hinterland.
„Dass F-16-Kampfjets bei der Kursk-Offensive im russischen Luftraum zum Einsatz kommen, halte ich für weitgehend ausgeschlossen“, sagte der deutsche Militärexperte Alexander Graef vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Uni Hamburg. Es sei von einer Vereinbarung auszugehen, wonach die F-16 nur innerhalb der Ukraine eingesetzt werden dürfen, so Graef.
Präsident Selenskyj begründete die Invasion im Gebiet Kursk auch damit, dass die westlichen Verbündeten bisher reichweitenstarke Waffen nicht für den Einsatz auf russischem Gebiet freigegeben haben. Die Präsenz der ukrainischen Truppen und ihre Anstrengungen, die russische Bedrohung zu eliminieren, seien ein Weg, die fehlende Erlaubnis zu kompensieren, sagte er.